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18. Januar 2012 |  Aus Wissenschaft und Praxis

„Die Diskussion unterschiedlicher Lösungsansätze ist für die Praxis besonders hilfreich“

Prof. Dr. Gerhard Wahl, Vorsitzender der Deutschen Sektion des ITI, zum Deutschen ITI-Kongress Ende April in Köln und zu den Angeboten des ITI für Zahnärzte und Zahntechniker

Prof. Dr. Gerhard Wahl, Vorsitzender der Deutschen Sektion des ITI

Das Internationale Team für Implantologie, das ITI, ist derzeit sicher weltweit eine der am schnellsten wachsenden Vereinigungen für alle an der Implantologie interessierten Zahnärzte, Oralchirurgen, Kieferchirurgen und Zahntechniker (siehe auch das Interview mit ITI-Präsident Prof. Dr. Daniel Buser in Ausgabe 37/11 oder www.dzw. de). Die Deutsche Sektion des ITI veranstaltet am 27. und 28. April 2012 im Staatenhaus am Kölner Messegelände ihren nationalen Kongress für Zahnärzte, Oralchirurgen, Kieferchirurgen und Zahntechniker (www.iti.org/congress germany). Prof. Dr. Gerhard Wahl, Direktor der Poliklinik für Chirurgische Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn und Vorsitzender der deutschen ITI-Sektion, gibt im Interview mit der DZW-Redaktion und auf DZW-tv (www.dzw-tv.de) eine Vorschau auf den Kongress und berichtet über die besonderen Angebote und Vorteile für die Mitglieder.

DZW: Herr Professor Wahl, Ende April findet in Köln der Deutsche ITI-Kongress statt. „Neue Technologien und Methoden: nützlich oder nötig?“ lautet das Thema. Was erwartet die Teilnehmer in Köln?

Prof. Dr. Gerhard Wahl: Im Vergleich zu den vorherigen, erfreulich erfolgreichen Kongressen erwartet die Teilnehmer ein komplett neuer Ablauf auch in der Programmgestaltung. Erstmals übernimmt zudem das ITI die Organisation vollständig selbst.

Immer wieder hat sich auch bei internationalen Kongressen gezeigt, dass das meiste Interesse und die intensivsten Diskussionen durch Kontroversen erzeugt werden. Die spannenden Diskussionen mit Experten aus allen Bereichen der für ein Thema relevanten Fachgebiete bieten den Teilnehmern einen Einblick in ganz unterschiedliche Ansätze und Therapieentscheidungen. Dabei geht es nicht um eine Konfrontation, sondern gerade um diese unterschiedlichen Ansätze eines Lösungswegs für komplizierte Fälle, die für die Praxis so wertvoll sind. Das reicht von der Zahnerhaltung bis zum Implantat. Dies bieten die Diskussionen der Vorträge, vor allem aber die Streitgespräche am Samstagvormittag. Im Fokus stehen diesmal die Lösungsmöglichkeiten bei Misserfolgen und die periimplantären Infektionen.

DZW: Bereits die vergangenen Kongresse waren ja sehr gut besucht, auch von den Zahntechnikern. Wird dieses Team-Konzept auch in diesem Jahr fortgesetzt?

Wahl: Wir bieten jetzt zum dritten Mal Vorträge und Themen auch für die Zahntechniker an. Nach unserer Erfahrung werden diese Vorträge auch von Zahnärzten gerne besucht, nicht nur von jenen, die auch ein Praxislabor haben. Vielmehr kommen viele Zahntechniker gemeinsam mit ihren Zahnärzten, der Kongress ist für sie auch ein Treffpunkt, wo der eine vom anderen lernen kann, welche Schwierigkeiten jeder hat. Dieser Teamgedanke entspricht ganz der Idee des ITI, in dem ja alle Mitglied sein können, Zahnärzte ebenso wie Zahntechniker oder auch Dentalhygienikerinnen.

In diesem Jahr haben wir das Programm so gestaltet, dass nicht beides komplett parallel läuft. Es gibt ein gemeinsames Hauptprogramm und drei Blöcke mit Parallelsitzungen, deren Fokus stärker auf sehr spannenden zahntechnischen Themen liegt.

DZW: Es wird der erste deutsche Kongress sein, den das ITI komplett selbst organisiert. Einige Aspekte haben Sie schon angesprochen – was ändert sich noch im Vergleich zu den früheren Kongressen?

Wahl: Wir erleben heute eine Reihe von dicht hintereinander auftretenden neuen Technologien, von denen nur sehr wenige schon uneingeschränkt praxistauglich sind, die aber mit viel Aufwand in die Praxen gebracht werden. Unser Grundgedanke im ITI, der auch das Thema und die Inhalte des deutschen Kongresses bestimmt, ist es, mithilfe der Exzellenz von Vielen und unabhängig von Einzelinteressen das zu ermitteln, was wirklich evidenzbasiert, also wissenschaftlich und praktisch bewährt ist. Gerade in den Konsensuskonferenzen zeigt sich immer wieder, wie wenig das tatsächlich ist.

Ziel ist es, dieses Wissen, wie es auch in den Treatment Guides enthalten ist,  bis in die Praxis herunterzubrechen. Es gibt bewährte Methoden, aber auch unterschiedliche Level des Know-hows. Wir wollen den Behandlern dabei helfen, zu bewerten, ob etwas in ihrer eigenen Praxis einsetzbar ist. Dazu dient ja auch die SAC-Klassifizierung zum Schwierigkeitsgrad implantologischer Behandlungen. Diese kritische Bewertung von international anerkannten Experten dürfen die Teilnehmer auch in Köln erwarten – von durchmesserreduzierten Implantaten bis zur 3-D-Planung und Navigation in der Implantologie. Dazu kommen aktuelle Studienergebnisse und Vorträge unserer Fellows. Es lohnt sich also, nach Köln zu kommen.

DZW: Das ITI erlebt derzeit ein starkes Wachstum, weltweit gibt es bereits mehr als 10.000 Mitglieder. Die deutsche Sektion ist im Vergleich zu anderen, gemessen an der Mitgliederzahl, eher klein. Partizipieren Sie auch am aktuellen Mitgliederzustrom?

Wahl: Ja, wir wachsen ähnlich stark, allerdings von einem geringeren Niveau aus. Deutschland stellt – ähnlich wie die USA und die Schweiz – eine sehr starke Gruppe von Fellows. Das liegt in der Tradition begründet. Früher gab es nur Fellows im ITI, seit 2003 haben wir auch den Member-Status. Damit ist das ITI stark gewachsen.

Diese wachsende Mitgliederzahl muss natürlich auch entsprechend betreut werden. Es ist der Anspruch des ITI, den Mitgliedern möglichst frühzeitig die aktuellsten wissenschaftlich basierten Informationen zukommen zu lassen, die aus dem starken internationalen Portfolio in der Wissenschaft kommen.

Als gemeinnützige Organisation stellt das ITI alle Erlöse seinen Mitgliedern wieder zur Verfügung, die Mittel fließen zum Beispiel in die Treatment Guides, das SAC-Buch, das Glossary, das Internetportal, die Zeitschrift und in die Study Clubs.

DZW: Die ITI-Study-Clubs werden immer als ein Grund für den starken Mitgliederzuwachs des ITI weltweit genannt. Auch in Deutschland sind aktuell viele Neugründungen gemeldet und angekündigt. Solche Clubs werden in Deutschland ja auch von anderen implantologischen Verbänden und Gesellschaften angeboten – was ist das Besondere an den ITI-Study-Clubs?

Wahl: Sie sind für die Mitglieder der schnellste – und kostenfreie – Weg, sich neben der schriftlichen Information auch vor Ort über Neues kompetent und unabhängig zu informieren. Das ITI bietet über seine Strukturen mit dem Education Officer, dem Study-Club-Koordinator und den Study-Club-Direktoren aufbereitetes Material und Vorlagen für die Leiter der Clubs vor Ort, die auch auf qualifizierte Referenten zu den aktuellen Themen zurückgreifen können. Diese Diskussionen mit unabhängigen Experten vor Ort, der gleichberechtigte kollegiale Austausch am runden Tisch machen die ITI-Study-Clubs unter anderem aus.

In Bonn zum Beispiel kommen wir über die aktuellen Themen hinaus inzwischen rasch miteinander ins Gespräch. Der Study Club lebt vom Input der Teilnehmer, unter denen sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt hat, in dem auch schwierige Themen und Misserfolge offen diskutiert werden können.

Noch ist das Angebot nicht flächendeckend, jeder ITI-Member könnte aber einen Club gründen. Das ist gerade in sonst schlecht versorgten Regionen sinnvoll, wenn sich genügend interessierte Kolleginnen und Kollegen zusammenfinden. Für das ITI sind diese Clubs natürlich auch eine Institution, über die es sich bekannt machen und neue Mitglieder gewinnen kann. Und je mehr Mitglieder wir haben, desto mehr Mittel können wir in der Sektion für unsere Mitglieder auch wieder einsetzen.

DZW: In Deutschland haben wir ja eine Flut von implantologischen Verbänden und Fachgesellschaften. Wie positioniert sich die deutsche Sektion, in der ja zahlreiche namhafte Hochschullehrer und viele engagierte Praktiker Mitglied sind, in diesem Umfeld? Warum lohnt es sich auch und gerade für deutsche Zahnärzte und Zahntechniker, Mitglied im ITI zu sein?

Wahl: Der große Unterschied ist der internationale Ansatz. Die Deutsche Gesellschaft für Implantologie, die DGI, hat einen ähnlichen Kerngedanken wie das ITI: die Förderung der Implantologie auf wissenschaftlicher Basis und die Verbreitung des Wissens darüber. Die DGI, in der ja viele ITI-Fellows und Member Mitglied sind, tut dies auf nationaler Ebene. Über das ITI stehen den ITI-Mitgliedern aber über das Internet heute auch noch Möglichkeiten zur Verfügung, sich auch international auszutauschen, zum Beispiel Experten zu befragen, an die man sonst so nicht herankommt. Das gilt für die Member ebenso wie für die Fellows. Jeder kann international aktiv werden und teilnehmen.

Gerade unter den Fellows ist der Kontakt sehr eng und kollegial. Zwischen vielen sind über die Jahre freundschaftliche Netzwerke entstanden, zu denen auch die jungen Fellows schnell Zugang finden können. Ähnliches wäre ein wünschenswertes Ziel auch für Members.

Nicht zu vergessen ist das Engagement des ITI für die Forschung. Gerade deutsche Forschergruppen sind hier stark vertreten und bewerben sich um Förderung. In die Multicenterstudien werden immer mehr auch niedergelassene Praxen einbezogen, das bietet zum Beispiel auch wissenschaftlich interessierten und ambitionierten Praktikern Möglichkeiten zur Mitarbeit. Hinzu kommen die vielen schon erwähnten Angebote des ITI für seine Mitglieder.

DZW: Welche aktuellen Fragen der Implantologie beschäftigen Sie aus Ihrer täglichen Praxis heraus derzeit besonders?

Wahl: Das sind zum einen die vielen neuen Implantatsysteme, vielfach ja günstigere Nachahmerprodukte von etablierten Systemen. Hier stellt sich immer die Frage nach der Langzeitbewährung und den vorliegenden Studien. Es gibt natürlich eine Fülle von Studien auch über lange Zeit, die zeigen, dass die Implantologie und Implantate klinisch funktionieren. Aber diese lassen sich nicht so einfach auf „Nachbauten“ übertragen, der Teufel steckt hier vielfach im Detail.

Aus der klinischen Erfahrung heraus ist immer mehr Wert auf Kontinuität bei den Anbietern zu legen. Immer wieder kommen Patienten, die nicht wissen, was für ein Implantatsystem bei ihnen verwendet wurde, und wo das auch nicht mehr anhand alter Unterlagen nachzuvollziehen ist. Dann ist es bei vielen der kleinen Implantatanbieter nahezu unmöglich, das verwendete Implantat zu identifizieren oder gar Ersatzteile für eine prothetische Zweitversorgung zu bekommen. Vom passenden Instrumentarium, Spezialschlüsseln für ungewöhnliche Implantat-Abutment-Verbindungen etc. ganz zu schweigen. Eine Standard-Schraubverbindung wäre wirklich eine tolle Lösung.

Ein Implantatpass ist sicherlich ein Fortschritt, er kann derzeit aber nur bedingt eine Hilfe sein, es gibt ihn zum einen noch nicht lange genug und für alle Systeme, zum anderen kann er auch verloren gehen. Heute gibt es zum Beispiel mit Osseosource (www.osseosource. com) zwar eine Implantatdatenbank, aber trotzdem ist das Identifizieren osseointegrierter Implantate anhand von Röntgenbildern allein keine leichte Aufgabe. Das sollte man neben vielen anderen Aspekten bei der Auswahl eines Implantatsystems für die Praxis auch im Interesse der Patienten bedenken  und Nachbehandlungen auch anderenorts angesichts der postulierten langen Überlebenszeit von Implantaten sicherstellen.

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