ZahnMedizin kompakt

April 2019

Neues aus der Forschung

Neues_Wissenschaft
viperagp - stock.adobe.com

Jeden Monat erscheinen auf dem Gebiet der Zahn- und oralen Medizin viele Hundert wissenschaftliche Artikel. Hier eine kleine Auswahl, diesmal zu den Themen Praxisqualität der Lichtpolymerisation, ethnische Unterschiede in der Wurzelanatomie, Durchbruchswahrscheinlichkeit von Unterkiefer-Weisheitszähnen und Biokompatibilität von Werkstoffen für die Implantologie.

Quintessenz_Kurzmeldungen
Quintessenz

Qualitätsprobleme bei der Lichthärtung

Zwei Beiträge in Quintessenz-Zeitschriften machen deutlich, dass Lichthärtung häufig nicht optimal ausgeführt wird. In 302 Praxen im Rhein-Main-Gebiet fand eine Arbeitsgruppe der Universität Mainz (Prof. Dr. Claus-Peter Ernst) für jede zehnte getestete Polymerisationslampe eine unzureichende Leistung von <400 mW/cm2 [1]. Je nach Gerät (n=526) wurden für eine definierte Energiemenge von 16 J/cm2 zwischen 7 und 294 Sekunden benötigt. Nur 18,5 Prozent der Praxen verfügten über ein Radiometer zur Messung der Lichtleistung und 59 Prozent der Lichtaustrittfenster waren beschädigt oder verschmutzt, meist durch Komposit oder Bondingmaterial. In 14 Prozent der Praxen wurde auf Augenschutz verzichtet.
Ein Beitrag von Prof. Dr. Uwe Blunck (Charité Berlin) in der aktuellen „Quintessenz Zahnmedizin“ listet als Folgen unzureichender Lichthärtung zum Beispiel reduzierte Härte, Farbstabilität und Haftung an der Hartsubstanz, weiterhin erhöhte Abrasion, Zytotoxizität und postoperative Empfindlichkeit, und nicht zuletzt mehr Füllungsfrakturen und Sekundärkaries [2]. Nicht anliegende Folienhüllen können die Leistung ebenfalls reduzieren. Blunck zitiert folgende Empfehlungen einer internationalen Arbeitsgruppe [3]:

  • Regelmäßige Prüfung der Lichtintensität mit entsprechenden Testgeräten
  • Kontrolle des Lichtaustrittsfensters nach jeder Anwendung
  • Einhalten materialbezogener Schichtstärken und Belichtungszeiten
  • Berücksichtigung des Abstands zwischen Lichtaustrittsfenster und Material
  • Vermeidung von Hitzeschäden am intraoralen Gewebe und Augenschutz

Neuere Gerätegenerationen haben durch ihre höhere Leistung und zum Teil vergrößerte Lichtaustrittfenster ein geringeres Fehlerrisiko, besonders bei großflächigen Füllungen oder größeren Schichtdicken. Eine zur IDS neu eingeführte Lampe bricht die Aushärtung automatisch ab oder vibriert, wenn die gewählte Position des Lichtleiters während der Aushärtung verändert wird (Ivoclar Vivadent). Der geringere Zeitbedarf und die höhere Lichthärtungsqualität sprechen dafür, in gute Produkte zu investieren.

 

Wurzelanatomie ist klinisch relevant

Je nach Herkunft haben Patienten eine höhere Prävalenz bestimmter Wurzelanatomie-Merkmale [4]. So finden sich Oberkiefermolaren mit zwei mesiobukkalen Kanälen häufiger bei Menschen europäischen Ursprungs („Kaukasiern“, 71,3  Prozent) als bei Asiaten (58,4 Prozent) [5]. Asiaten haben dagegen häufiger einwurzelige erste Oberkieferprämolaren (83,2 Prozent vs. 48,7 Prozent) und zweite Unterkiefermolaren (45,4 Prozent vs. 14,3 Prozent) sowie dreiwurzelige erste Unterkiefermolaren (25,9 Prozent vs. 2,6 Prozent). Insgesamt haben Asiaten häufiger einwurzelige Seitenzähne mit einem Wurzelkanal (Vertucci-Konfiguration Typ 1), während Kaukasier häufiger mehrere Wurzelkanäle aufweisen [5].

Zugleich gibt es für bestimmte wurzelanatomische Merkmale eine global einheitlichere Tendenz [4]. Die portugiesischen Autoren folgern, dass Zahnärzte bei der Behandlung an diese Besonderheiten denken sollten. In Deutschland gilt das wohl primär für Patienten asiatischer Abstammung, wobei viele der ausgewerteten Studien aus Ostasien stammen. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass sich auch andere dentale Merkmale ethnisch unterscheiden. So fanden sich zwischen hispanischen, kaukasischen und afro-amerikanischen Patienten in den USA unterschiedliche Verhältnisse zwischen Kronen- und Wurzellänge, mit für die meisten Zahntypen signifikant kleineren Werten für Hispanier im Vergleich zu den anderen beiden Gruppen [6].

 

Keime brechen selten durch

Keime dritter Unterkiefermolaren mit einer Abwinkelung von mehr als 27 Grad gegenüber der Achse des zweiten Molaren haben nur eine minimale Eruptionschance. Forscher der Universität Leuven (Belgien) bewerteten mehr als 2.000 Panoramaschicht-Aufnahmen im Follikelstadium (durchschnittliches Patientenalter 13 Jahre) und nach Abschluss der Entwicklung (15,9 Jahre) [7]. Im Lauf der Zahnentwicklung besteht eine Tendenz, dass sich die Angulation erhöht. Damit steigt wenig überraschend auch das Retentionsrisiko.

Auch die Angulation der ersten und zweiten Molaren hat einen signifikanten Einfluss auf die Eruptions-Chance von dritten Molaren. Dagegen zeigte kieferorthopädische Behandlung keinen Effekt auf die Durchbruchswahrscheinlichkeit. Das Risiko einer engen Lagebeziehung des Weisheitszahns zum Mandibularkanal lässt sich an dem Winkelverhältnis zwischen erstem und zweitem Molaren ablesen. Je größer dieser Winkel, desto wahrscheinlicher war eine enge Lagebeziehung zum Weisheitszahn – mit entsprechendem Komplikationsrisiko im Falle einer Entfernung.

Die Autoren nennen als limitierenden Faktor ihrer Studie die Tatsache, dass retromolare Knochenangebot radiografisch bedingt nicht vermessen wurde. Dieses ist für den Durchbruch mit entscheidend. Unabhängig davon empfehlen sie, den kritischen Winkel von 27 Grad bei der Entscheidung für oder gegen eine prophylaktische Entfernung von Unterkieferweisheitszähnen zu berücksichtigen.

 

Dental_Materials
Dental Materials / JOMI

Biofilmbildung auf Zirkonoxid höher als auf PMMA

Eine gemeinsam vom Universitären Zentrum für Zahnmedizin Basel und Vita durchgeführte Studie vergleicht die Biofilmbildung auf den Restaurationsmaterialien Zirkonoxid, PMMA und polymer-infiltrierte Keramik (Vita Enamic) sowie verschiedenen Befestigungs-Komposits [8]. Damit sollten Materialien identifiziert werden, die sich für biokompatible Restaurationen auf Zirkonoxidimplantaten eignen. Interessanterweise wuchsen auf dem temporären Akrylatmaterial weniger Testbakterien als auf den definitiven keramischen oder teilkeramischen Materialien. Bei den Befestigungskompositen bildete sich auf einem neuen Produkt von Vita (Adiva F-Cem) am wenigsten Biofilm.

Die Autoren folgern, dass die Benetzbarkeit mit Speichel- und Serumproteinen und Wasser der entscheidende Faktor ist. Diese wird offenbar durch einen höheren keramischen Materialanteil gefördert, mit entsprechend erhöhter Polarität und freier Oberflächenenergie. Auch bei den Befestigungskompositen bildete sich auf Materialien mit geringerem organischem Anteil mehr Biofilm als auf solchen mit höherem Anteil.

Dagegen zeigte eine andere In-vitro-Studie für Zirkonoxid – hier im Vergleich zu PEEK und Titan – die beste Anlagerung und Proliferation von Osteoblasten und gingivalen Fibroblasten [9]. Auch hier vermuten die Autoren die gute Benetzbarkeit von Zirkonoxid als ursächlich. Andere Studien zu Implantatmaterialien zeigen folgerichtig, dass die Biofilmbildung auf Zirkonoxid geringer ist als auf Titan [10]. Andererseits bildete sich auf „modifiziert“-maschinierten Oberflächen von Titan oder Zirkonoxid-Titan-Legierung weniger und langsamer Biofilm als auf raueren Oberflächen derselben Materialien [11].

Welche Werkstoffe, Oberflächenmorphologien, Bearbeitungsmethoden und möglicherweise Beschichtungen im Durchtrittsbereich durch das Weichgewebe am besten geeignet sind, kann sich nur in kontrollierten klinischen Vergleichsstudien über längere Zeiträume zeigen.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).

Literatur

[1] Ernst C, Price RB, Callaway A, Masek A, Schwarm H, Rullmann I, et al. Visible Light Curing Devices - Irradiance and Use in 302 German Dental Offices. The Journal of Adhesive Dentistry 2018;20:41-55.
[2] Blunck U. Lichtpolymerisation heute: Was ist für eine sichere Polymerisation von Kompositfüllungen wirklich relevant? Die Quintessenz 2019;70:388-399.
[3] Price RB. Light curing guidelines for practitioners: a consensus statement from the 2014 symposium on light curing in dentistry, Dalhousie University, Halifax, Canada. J Can Dent Assoc 2014;80:e61.
[4] Martins JNR, Marques D, Silva EJNL, Caramês J, Versiani MA. Prevalence Studies on Root Canal Anatomy Using Cone-beam Computed Tomographic Imaging: A Systematic Review. Journal of Endodontics 2019;45:372-386.e374.
[5] Martins JNR, Gu Y, Marques D, Francisco H, Caramês J. Differences on the Root and Root Canal Morphologies between Asian and White Ethnic Groups Analyzed by Cone-beam Computed Tomography. Journal of Endodontics 2018;44:1096-1104.
[6] Wang J, Rousso C, Christensen BI, Li P, Kau CH, MacDougall M, et al. Ethnic differences in the root to crown ratios of the permanent dentition. Orthodontics & Craniofacial Research 2019;22:99-104.
[7] Vranckx M, Ockerman A, Coucke W, Claerhout E, Grommen B, Miclotte A, et al. Radiographic prediction of mandibular third molar eruption and mandibular canal involvement based on angulation. Orthodontics & Craniofacial Research 2019;22:118-123.
[8] Astasov-Frauenhoffer M, Glauser S, Fischer J, Schmidli F, Waltimo T, Rohr N. Biofilm formation on restorative materials and resin composite cements. Dental Materials 2018;34:1702-1709.
[9] da Cruz MB, Marques JF, Peñarrieta-Juanito GM, Costa M, Souza JCM, Magini RS, et al. Hard and Soft Tissue Cell Behavior on Polyetheretherketone, Zirconia, and Titanium Implant Materials. The International Journal of Oral &amp; Maxillofacial Implants 2019;34:39-64.
[10] Roehling S, Astasov-Frauenhoffer M, Hauser-Gerspach I, Braissant O, Woelfler H, Waltimo T, et al. In Vitro Biofilm Formation on Titanium and Zirconia Implant Surfaces. J Periodontol 2017;88:298-307.
[11] John G, Becker J, Schwarz F. Effects of different titanium zirconium implant surfaces on initial supragingival plaque formation. Clin Oral Implants Res 2017;28:e84-e90.