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Burn-out

Zeit zur Reflexion

Burn-out
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Ausgebrannt? Das muss nicht sein! Sinn, Sicherheit und Wertschätzung sollten vor allem von innen kommen.

Sandra ist ratlos. In ihrem Job als Zahnmedizinische Fachangestellte gerät sie oft in Stresssituationen. Wenn sie am Empfang mit Patienten deren Krankheitssymptome bespricht und intime Details erfährt, drängeln sich wieder und wieder andere Patienten vor. Sie stören das Zwiegespräch und sind übergriffig. Etwa, indem sie Sandra vorwerfen, langsam zu arbeiten.

Fast jede ZFA kennt ähnliche Situationen aus dem Arbeitsleben. Die Folge: Stress und chronischer Druck machen krank. Symptome wie totale körperliche und geistige Erschöpfung deuten auf psychische Erkrankungen hin – sie sind inzwischen die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. „Rund ein Drittel davon entfallen auf Depressionen“, erklärt Michael Sudahl, Life-Coach von „Der Lebensberater“. Eng mit der Diagnose Depression verbunden ist das früher als Modeerkrankung abgestempelte Burn-out. Laut DAK hat sich die Krankheitslast aufgrund von Burn-out-Diagnosen seit 2006 verzwanzigfacht, und Forscher bringen Burn-out immer wieder mit hoher Arbeitsbelastung in Verbindung.

Doch was können Zahnärzte und ZFAs tun, um nicht in eine Burn-out-Falle zu tappen? Viele Betroffene erkennen, dass sie gefährdet sind, sehen aber keinen Ausweg, steuern wie Roboter programmiert auf einer Straße ins tiefe Tal. Die gute Nachricht: Es gibt Ausfahrten. Die seelische Autonomie zu stärken ist so eine. Und das geht so: Lege die (unbewusste) Erwartung ab, dass Kollegen den Fleiß sehen oder Chefs Zusatzaufträge wertschätzen. Dafür sind sie nicht da. Niemand hat ein Recht auf Anerkennung. Nicht einmal humanitäre Einrichtungen wie Kirchen oder NGOs sind „Wertschätzungsautomaten“. „Wer das erwartet, macht sich unglücklich und wird demotiviert“, betont Sudahl. Äußere Wertschätzung kann niemals eine fehlende innere Wertschätzung ersetzen, weil man selbst nicht daran glaubt, was Chefs oder Kollegen zu einem sagen. Stattdessen ist es besser zu akzeptieren, dass mit der Bezahlung die Wertschätzung abgegolten ist.

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privat

Lebensberater Michael Sudahl

Sich selbst wertschätzen

Die nächste Falle ist, zu erwarten, dass der Arbeitsplatz sicher ist. Selbst in Zeiten, in denen Fachkräfte fehlen, gibt es keine Arbeitsplatzgarantie. Eine ZFA kann noch so nett sein. Wenn sie kein Blut sehen kann oder Chaos in den Abrechnungen hinterlässt, wird ihr Chef ihr kündigen. Anders ist es in Familien. Der Mensch ist hier wichtiger als die Funktion. Niemand käme auf die Idee, Mama auszutauschen, nur weil sie das Auto nicht reparieren kann.

Sicherheit finden

Chronisch Unzufriedene und damit Burn-out-Gefährdete wünschen sich oft, dass es gerecht zugeht. Dabei ist Gerechtigkeit eine Frage des Betrachters. Der persönliche Standort entscheidet, ob wir etwas als gerecht oder ungerecht empfinden. Menschen beschweren sich gern über ihren niedrigen Arbeitslohn. Können aber ohne große innere Hemmungen beim Textildiscounter Shirts für drei Euro kaufen, deren Preis nur durch unmenschliche Arbeitsverhältnisse in Asien und Afrika möglich ist.

Wer Gerechtigkeit am Arbeitsplatz erwartet, erntet Anlässe, um sich aufzuregen. Das wiederum behindert einen in der Leistung oder man fühlt sich vernachlässigt. Ähnlich sieht es mit Sinn am Arbeitsplatz aus. Auch wenn es modern erscheint: Kein Arbeitgeber, nicht einmal die karitativen, ist für die Sinnerfüllung des Einzelnen verantwortlich. Wer das erwartet, schlüpft in die Opferrolle und gibt Verantwortung an Gesellschaft oder den Arbeitgeber ab.

Sinn im Handeln

Wer in der Medizinbranche arbeitet, mag das nicht glauben. Weil ja gerade diese damit wirbt, Leben zu retten und damit Sinn zu stiften. Doch zeigt sich im Alltag, dass nie alles sinnvoll sein kann. Jedoch ist der eigene Tag voll von Gelegenheiten, um Sinn zu stiften oder gerecht zu sein. „Die besten Gelegenheiten bieten sich im Kontakt mit Kollegen und Patienten“, erzählt der dreifache Vater Sudahl. Das geht ganz einfach: Höre zu und gib den Menschen das Mitgefühl, das sie benötigen.

Alle genannten seelischen Bedürfnisse wie Sinn, Sicherheit und Wertschätzung, die wir ins Außen verlagern, lassen uns von äußeren Faktoren abhängig werden, aber diese sind unkontrollierbar. Das Einzige, was wir wirklich beeinflussen können, sind wir selbst. Um vital, motiviert und gesund zu bleiben, sollten wir unser Wohlbefinden nicht an Illusionen und Hoffnungen im Außen knüpfen. „Das ist die wirksamste Burn-out-Prophylaxe“, so der Lebensberater.

Forscher der Mayo Clinic in Rochester (New York) haben Methoden untersucht, die einem Burn-out entgegenwirken. Zwar fanden die Forscher keine wirksame Einzelmaßnahme, jedoch verschiedene Interventionen, die zum Rückgang der Burn-out-Rate führten. Dazu gehörten kürzere Arbeitsschichten, weniger Rotationen in der Ausbildung sowie verbesserte Arbeitsabläufe. Daneben helfen psychologische Beratungen, Kurse zum Stressmanagement oder Meditationen.


Erster Präventionsschritt ist jedoch, aus der Verleugnung herauszutreten. Menschen, denen es gelingt, offen über ihre Arbeitssituation und Ängste zu sprechen, für die ergeben sich Lösungsansätze meist von ganz allein:

  • Was sind Zeit- und Stressfaktoren in meinem Beruf und in mir selbst?
  • Wann werden meine Grenzen überschritten oder überschreite ich sie? Was kann ich eigenverantwortlich ändern?
  • Was sind meine Werte?
  • Was spendet mir Kraft und wie baue ich meine Ressourcen auf?

Wer die eigenen Ansprüche und Potenziale kennt, kann gelassener mit Stress im Arbeitsalltag umgehen. Notwendig hierfür ist eine aktive Innenschau, zum Beispiel durch Achtsamkeits- oder Meditationsübungen. Morgens drei Minuten lang den eigenen Atem zu beobachten, verändert die Selbstwahrnehmung und kann den inneren Stresslevel rapide senken.

Hendrik Stuewe

Der Hamburger Hendrik Stuewe (Jahrgang 1991), ist gelernter Industriekaufmann, Journalist und Fotograf (www. haendrixen-pictures.com). Sein Terrain sind Gesundheits und Management-Themen, die sich in Therapeuten-, Mediziner- oder Fitness-Magazinen wiederfinden.

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