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Mehr Mut zur Digitalisierung

Die Digitalisierung lässt im Gesundheitswesen auf sich warten.
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Die Digitalisierung lässt im Gesundheitswesen auf sich warten.

Die Telematik-Infrastruktur (TI) und der Breitbandausbau in Deutschland haben eines gemeinsam: Beides sind Dauerbaustellen, über beide wird seit mehr als zehn Jahren gesprochen, diskutiert und la­men­tiert – vor allem aber verzögert, blockiert, verhindert. Passiert ist in anderthalb Jahrzehnten wenig bis gar nichts. Immerhin gibt es in Sachen TI mittlerweile in Ansätzen so etwas wie einen Markt, denn einige wenige Anbieter bieten aktuell zer­tifizierte Komponenten für den Anschluss von Arzt- und Zahnarztpraxen an die Zukunft an. Von anderen sieht und hört man gar nichts mehr …

Teuer erkaufte Verzögerungen

Der Preis für eine derart erfolgreiche Verzögerungstaktik und schleppende Umsetzung in Sachen TI ist allerdings hoch: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kritisierte bereits vor Monaten zu Recht, die Fokussierung auf eine Chipkarte sei „oldschool“ (gerade vor wenigen Tagen feierte die Chipkarte übrigens ihren fünfzigsten Geburtstag!).

Er erklärte dann auch gleich, wie er sich das Werkzeug für die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorstellt, indem er das Smartphone ins Spiel brachte. Eine gute Idee, denn (fast) jeder trägt heute doch eins mit sich herum. Damit hat er erkannt, was in anderen europäischen Ländern seit Jahren längst Standard ist. Woanders ist die Verwaltung persönlicher Gesundheits- und anderer Daten via Smartphone längst der Normalfall. Finnland und Estland machen vor, wie einfach – und sicher – dies mit der passenden App sein kann – auch ohne Informatikstudium. Die Hardware ist also längst vorhanden, man braucht lediglich die passende Software, um sich im Neuland auch zurechtzufinden.

Eine Möglichkeit unter vielen, wie die Zukunft digital verwalteter Patienten- und Behandlungsdaten aussehen könnte, zeigt seit Montag dieser Woche die erste digitale Gesundheitsakte von GKV und PKV, die unter dem Namen Vivy Patienten eine unkomplizierte Möglichkeit bietet, ihre persönlichen Gesundheitsdaten zu speichern, zu verwalten und bei Bedarf mit Leistungserbringern wie Ärzten zu teilen. Beteiligt an der TÜV-geprüften App sind 14 gesetzliche (GKV) und (bislang) zwei private Krankenversicherungen (PKV). Ab Februar 2019 wird mit der Gothaer Versicherung eine weitere private Krankenkasse an Bord sein.

Wen wundert es, dass Wirtschaftsunternehmen wie Krankenversicherer, ob privat oder gesetzlich, nicht darauf warten wollen, bis eine Behörde in Aktion tritt, sondern selbst die Initiative ergreifen und in Rekordzeit – gemessen an der unendlichen Geschichte der TI – eine eigene digitale Lösung entwickeln und ihren Kunden zur Verfügung stellen? Und das sind nicht gerade wenige Kunden: Es sind immerhin 13,5 Millionen Versicherte eingeladen, die App zu nutzen (wobei das Potenzial sogar rund 25 Millionen Versicherte mit all deren Daten umfasst). Das hat nichts mehr mit regionalen  oder auf bestimmte Indikationen begrenzten Feldtests gemein, sondern dürfte ein Meilenstein auf dem Weg in die Digitalisierung des Gesundheitswesens sein.

Und hier sind Versicherte nicht die Opfer einer von oben verordneten Digitalstrategie, sondern laut einer Umfrage erwarten sie diese Möglichkeit geradezu und sind – trotz der typisch deutschen Technikskepsis – sogar regelrecht aufgeschlossen ge­genüber dem Potenzial einer solchen App. 38 Prozent der Befragten gaben an, eine elektronische Gesundheitsakte in Form einer App auf dem Smartphone auf jeden Fall nutzen zu wollen, in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen wünschen sich sogar 43 Prozent eine solche
Lösung. Ganz oben auf der Wunschliste der Befürworter stehen laut den Ergebnissen der Umfrage die Dokumentation von verordneten Medikamenten samt ihrer Wechselwirkungen (für 92 Prozent „sehr wichtig” oder „wichtig”), der Zugriff auf ärztliche Befunde (91 Prozent), Hinweise auf und Erinnerungen an Vorsorgeuntersuchungen (89 Prozent), Erinnerungen an Arzttermine (82 Prozent) sowie der Zugriff auf Patientenquittungen (66 Prozent).

Datenhoheit und Datensicherheit

Bevor jetzt reflexartig der Einwand kommt, wer da wohl alles Zugriff auf diese sensiblen Informationen hat: Die Datenhoheit liegt laut Betreiber allein beim Patienten. Weder die anbietenden Kassen und Versicherungen noch Vivy oder der dahinter stehende Softwareanbieter hätten Zugriff auf die Daten. Bei Bedarf könne der Nutzer selbstverständlich Informationen aus der App teilen – beispielsweise mit seinem behandelnden Arzt.

Auch die Datensicherheit erfülle alle geforderten Standards – zertifiziert durch ePrivacy und TÜV Rheinland. Zudem wurde die App vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte als Medizinprodukt zugelassen. So schnell kann also ein Konzept trotz komplexer Regularien umgesetzt werden –  wenn man es denn wirklich will.

Oliver Pick