Gekonntes Scheitern muss geübt sein – zum Beispiel in Fuck-up-Nights, wenn bewusst von beruflichen Misserfolgen erzählt wird.

Gekonntes Scheitern muss geübt sein – zum Beispiel in Fuck-up-Nights, wenn bewusst von beruflichen Misserfolgen erzählt wird.

Normalerweise reden wir mit anderen darüber, was uns gelingt, und bauen so unsere Erfolgskompetenz aus. Nach dem Optimum zu suchen und die Stärken zu ermitteln, ist deswegen auch eine Methode aus dem Leistungssport. Und sie funktioniert wunderbar. Denn wenn sich Sportler optimale Bewegungsabläufe ansehen, dann lernen sie, diese besser zu reproduzieren als wenn sie die nicht gelungenen Abläufe betrachten. Leistungssportler lernen so von sich selbst und übertragen die guten Bewegungsabläufe auf die verbesserungswürdigen.

Wenn man aber Menschen in einem vertraulichen Rahmen befragt, wann sie in ihrem Leben am meisten gelernt haben und was sie besonders vorangebracht hat, dann berichten viele von ihnen nicht von ihren Sternstunden. Gerade Fehlschläge, ein Scheitern, etwas, das nicht gelungen ist, macht Menschen aufmerksam und sorgt dafür, dass sie ihre Strategien ändern und sich weiterentwickeln. Ein Scheitern macht stark, wenn man es ernsthaft betrachtet und es als Lehrmeister auswählt. Menschen, die immer erfolgreich waren, lernen weniger über sich selbst und über ihre Fähigkeiten und können im späteren Leben auch weniger gut mit einem Misslingen umgehen. Eine schlechte Kombination, wenn es darum geht, mit herausfordernden Situationen und ungünstigen Konstellationen umzugehen.

Vom Scheitern zum Erfolg

Fuck-up-Nights liegen im Trend. 2014 durch ein mexikanisches Institut ins Leben gerufen, finden sie heute in vielen amerikanischen und europäischen Städten statt. Auch Unternehmen zelebrieren intern ihre Fuck-up-Nights. Und manche Teams gestalten schon Fuck-up-Walls. Kommuniziert wird hier alles, was nicht gelingt, damit die anderen im Team nicht den gleichen Ansatz wählen – und ebenfalls scheitern. Der Mutigste versucht etwas und kommuniziert seine Ergebnisse. Er experimentiert stellvertretend für alle und ermöglicht den anderen, auf seinen Erfahrungen aufzubauen.

Vor dem eigenen Team zu stehen und darüber zu berichten, was nicht gelungen ist, gehört nicht gerade zu unseren favorisierten Tätigkeiten. Entspannt und offen zu erklären, wie man auf die Idee kam, was zum Scheitern brachte und was beim nächsten Versuch anders und besser laufen sollte, ist ein neuer Ansatz, um systematisch Erfolge zu ermöglichen.

In Fuck-up-Nights geht es um gekonntes Scheitern. Scheitern setzt voraus, dass man zuvor eine Idee gehabt hat und diese mutig umgesetzt hat. Scheitern meint nicht, Fehler zu machen. Fehler entstehen durch Unachtsamkeit oder durch Unvermögen. Scheitern meint etwas Anderes. Man hat sich Gedanken gemacht und alles nach bestem Gewissen umgesetzt, und dennoch gelingt es nicht oder nicht ausreichend gut. Vielleicht gibt es etwas zu lernen oder man ist an einer Grenze angekommen.

Auch ein gut durchdachter Prozess in der Praxis oder eine Vereinbarung können scheitern, wenn zu viel Stress entsteht oder zu viele Patienten kommen. Was für eine bestimmte Personenanzahl gut funktioniert, kann bei einer Erweiterung oder neuen Verhaltensweisen nicht mehr klappen. Deswegen gibt es kein Optimum für alle Bedingungen. Immer wieder werden wir feststellen, dass Dinge, die ursprünglich gut funktionierten – wir vergeben unsere Termine telefonisch –, bei veränderten Rahmenbedingungen – durch die hohe Patientenzahl sind unsere Leitungen übermäßig belegt und Patienten äußern sich über unsere Erreichbarkeit unzufrieden – neu gedacht werden müssen: Terminvereinbarung per E-Mail?

Neue Ideen generieren

Wenn Scheitern mit anderen geteilt wird, dann entstehen direkt neue Ideen. Wenn wir so nicht vorankommen oder unseren Anforderungen nicht mehr gerecht werden, wie kann es dann anders gelingen? Die Person, die ihre Geschichte zur Verfügung stellt, ist nur der Trigger einer meist ergebnisreichen Diskussion um Verbesserungen. Und das Teilen von Scheitern entspannt. Es führt in der Regel zu einer gelockerten Stimmung, in der dann auch mehr neue Ideen stehen können. Der Druck, eine Super-Idee vorstellen zu müssen entweicht, wenn man mit dem Scheitern beginnt. Meist berichtet eine Person im Team stellvertretend, denn alle haben ähnliche Situationen in der Praxis schon erlebt. Deswegen wird in den Fuck-up-Nights so viel gelacht.

Fuck-up-Nights gelingen dann besonders gut, wenn der Chef beginnt. Die Größe, sich vor das Team zu stellen und darüber zu berichten, was nicht gelungen ist, bringt Nähe, Sicherheit und Vertrauen ins Team. Manchmal klärt auch die Geschichte des Scheiterns die eine oder andere Unstimmigkeit auf, die das im Team ausgelöst hat. Das Team versteht besser die Ideen des Chefs und hilft, das Ziel anders zu erreichen. Und zwar jeder aus seiner Perspektive.

Misserfolge sind programmiert

Erfolge gehören genauso zum Leben wie Misserfolge. Über sie sprechen wir nur nicht so gerne. Die Fuck-up-Community empfiehlt, sich darauf zu trainieren, mit Misserfolgen umzugehen. Dann schafft man es, mit den Widrigkeiten des Lebens besser umzugehen. In ihrem Booklet beschreiben sie konkrete, ungünstige Situationen, denen man sich zwecks Training aussetzen soll. Dazu gehört auch, sich zum Beispiel einen Korb zu holen, mit dem man in die Stadt geht und Menschen bittet, ein Foto zu machen. Viele sind dazu bereit, andere nicht. Und wenn man dann tatsächlich einen Korb bekommt, muss man das aushalten können.

Punkt zwei ist, Dinge absichtlich ungeschickt zu machen, indem man die nichtbevorzugte Hand dafür nimmt. Einfach mal die Gabel oder die Eistüte in die andere Hand nehmen. Erstaunlich, wie schwierig Essen auf einmal sein kann. Auch einen Wettbewerb zu verlieren oder sogar gefeuert zu werden, macht nicht unbedingt schwächer. Immer vorausgesetzt, man nutzt die Erfahrung, um zu lernen.

Wie habe ich die Passanten um ein Foto gebeten? Wie habe ich geschaut? Wie war meine Stimme? Welche Worte habe ich genutzt? Wie viel Übung brauche ich, um mit rechts und links gleichermaßen leicht essen zu können? Wie viel Aufmerksamkeit brauche ich? Wie fühlt sich verlieren an? Was hätte ich investieren müssen, um gewinnen zu können? Wie fühlt es sich an, entlassen zu werden? Was war mein Beitrag zu der ungünstigen Situation? Wie hätte ich die Situation am Arbeitsplatz positiv beeinflussen können?

Perfektion, Gerechtigkeit und andere schöne Dinge gibt es auf dieser Erde eher selten. Wir wünschen uns das zwar, aber die Erfahrung schreibt eine andere Geschichte. Unsere Aufgabe ist es, auch in einem unperfekten oder ungerechten Umfeld gut miteinander klarzukommen und Probleme gemeinsam zu lösen. Anstatt ein übliches Team-Event zu starten, um den guten Kontakt im Team zu unterstützen, kann eine Fuck-up-Night mal eine andere Richtung geben. Nur sollte man nicht vergessen, all die neuen Ideen im Anschluss auch angemessen miteinander zu feiern. Und die Personen, die sich tatsächlich getraut haben, sich vorne hinzustellen und über ihr Scheitern zu berichten, gehören an diesem Abend besonders gewürdigt. Denn das erfordert mehr Mut als über seine Sternstunden zu sprechen.

(wird fortgesetzt)

Dr. Susanne Klein

Susanne Klein

Dr. Susanne Klein ist Referentin an der Pluradent-Akademie für das Thema „Praxisführung“. Sie ist maßgeblich verantwortlich für das Coaching von Praxisinhabern und Führungsteams zur Gestaltung von erfolgreicher Führung und Zusammenarbeit bei ProdentConsult. Die promovierte Psycholinguistin berät und coacht seit 1993 Führungskräfte in verschiedenen Unternehmen. Seit zehn Jahren bildet sie international zertifizierte Führungscoaches aus und hat eine Vielzahl von Publikationen in diesem Themenbereich veröffentlicht. Sie hat auch zwei international anerkannte Preise für ihre Programme gewonnen. 2015 wurde sie in den deutschen Vorstand des European Mentoring and Coaching Council gewählt. Kontakt per E-Mail an susanne.klein@pluradent.de.