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Ausbildung

„Ich finde es wichtig, unseren Nachwuchs zu fördern“

Leider haben die meisten Menschen die Vorstellung, dass es für unseren Beruf nicht viel braucht.
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Leider haben die meisten Menschen die Vorstellung, dass es für unseren Beruf nicht viel braucht.

Sie kennt sich aus: Andrea Brandner-Stein war als ZFA in verschiedenen Zahnarztpraxen tätig – von einer chirurgisch orientierten bis hin zur kieferorthopädischen Praxis. Und auch die Kehrseite der Medaille, die den Arbeitsalltag und die Probleme der Kostenerstatter darstellt, konnte sie während ihrer siebenjährigen Tätigkeit bei einer gesetzlichen Krankenkasse kennenlernen. Mittlerweile ist sie Berufsschullehrerin und gibt Fortbildungen für verschiedene Firmen sowie die Zahnärztekammer Westfalen-Lippe. In nachstehendem Interview mit dzw-Redakteurin Birgit Strunk spürt man ihre Leidenschaft für den Beruf.

Andrea Brandner-Stein
Brandner-Stein

Andrea Brandner-Stein

Sie sind seit 17 Jahren Berufsschullehrerin am Mulvany-Berufskolleg in Herne. Wie kam es dazu?

Andrea Brandner-Stein: Diese Frage erinnert mich an eine Situation in der Berufsschule. Zu Beginn eines neuen Schuljahrs stelle ich mich den neuen Schülerinnen vor und berichte über meine vielfältigen Berufserfahrungen in den unterschiedlichsten Bereichen der zahnärztlichen Leistungsabrechnung. Einfach, um ihnen bereits zu Beginn zu zeigen, wie abwechslungsreich unser Beruf ist. Nach dieser Vorstellung fragte mich eine Schülerin: „Wie kommt man denn auf so was?“ Darauf konnte ich nur antworten: „Indem man mit offenen Augen durch die Welt marschiert und einfach mal ausprobiert, was alles möglich ist.“ Und genau das macht unseren Beruf so faszinierend und abwechslungsreich.

Welche Voraussetzungen muss man als Berufsschullehrerin mitbringen?

Brandner-Stein: Vor allem die Freude an dem Beruf und daran, immer etwas Neues zu lernen. Ich werde nie sagen: „Jetzt weiß ich alles und kann mich entspannt zurücklehnen.“ Und man muss sich auch immer wieder neuen Herausforderung stellen, offen auf unterschiedlichste Charaktere eingehen und mit neuen Situationen umgehen können.

Sie haben einen sehr guten Zugang zu Ihren Schülerinnen. Wie schätzen Sie deren Motivation, den Beruf der ZFA zu erlernen?

Brandner-Stein: Zu Beginn der Berufsausbildung frage ich die Schülerinnen immer, warum sie diesen Beruf erlernen möchten. Leider höre ich viel zu häufig „Weil ich ansonsten keine andere Lehrstelle bekommen habe!“. Das macht diese Ausbildung natürlich nicht leichter und hat leider zur Folge, dass häufig nur die Hälfte der Schülerinnen die Prüfung zur ZFA ablegen und ihren Abschluss machen. Ich bin davon überzeugt, dass man den Beruf lieben muss, um gute Ergebnisse zu erzielen. Das ist sicherlich in jedem Beruf der Fall. Ich würde mir wünschen, dass unser Beruf wieder einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft erhält und als das erkannt wird, was er wirklich ist: ein spannender, abwechslungsreicher Beruf, der jedem die Möglichkeit zu einer individuellen Entfaltung bietet.

Ihre Schülerinnen schenken Ihnen großes Vertrauen. Wie erklären Sie sich, dass die Ausbildung oft abgebrochen wird oder einfach nicht als „Traumberuf“ gesehen wird?

Brandner-Stein: Wie schon gesagt, gehen viele Auszubildende mit völlig falschen Vorstellungen an die Berufsausbildung heran. Ein Kollege in der Berufsschule brachte es einmal so auf den Punkt: „Nachdem ich jetzt in dem Bildungsgang ZFA eingesetzt wurde, halte ich diese Berufsausbildung für die meist unterschätzte überhaupt.“ Leider haben die meisten Menschen die Vorstellung, dass es für unseren Beruf nicht viel braucht. Etwas absaugen, etwas anmischen und weiter nichts. Es gehört aber so viel mehr dazu. Allein die Hygienevorschriften, die Leistungsabrechnung, die Fachkunde, die soziale Kompetenz, die wir mitbringen müssen, und noch vieles mehr werden einfach nicht gesehen und bedacht.

Meiner Ansicht nach hängt dies auch mit der geringen Vergütung zusammen. Seien wir doch einmal ehrlich: „Was nicht gut bezahlt wird, ist auch nicht viel wert!“ So sieht es die Gesellschaft. Jeder möchte sich von seinem Gehalt eine Wohnung, ein Auto und einen Urlaub leisten können! Und auch das Betriebsklima sollte auf keinen Fall unberücksichtigt bleiben. Mein früherer Chef sagte einmal: „Mir ist es wichtig, gerne in die Praxis zu kommen und dass die Atmosphäre stimmt. Ich bin schließlich länger mit Ihnen hier zusammen als mit meiner Frau.“ Um noch mehr über die Hintergründe herauszufinden, warum so viele Azubis nicht mit ihrer Berufswahl zufrieden sind, habe ich die Schülerinnen der Oberstufen gebeten, mir hierzu einige Fragen zu beantworten (Umfrage auf Seite 26, Anmerkung d. Red.).

Was können Azubis tun, wenn es während der Ausbildung Unstimmigkeiten gibt – welchen Rat können Sie hier geben?

Brandner-Stein: Das geht nach dem Motto „Nur sprechenden Menschen ist zu helfen“. Ich stelle immer wieder fest, dass einige Azubis ihre Probleme einfach nicht offen ansprechen. Dann werden diese unausgesprochenen Gedanken zu Gespenstern und alles schaukelt sich hoch. Das lege ich meinen Schülerinnen ans Herz, und häufig können so nicht nur Probleme gelöst, sondern gleich vermieden werden.

In Vergessenheit sollte allerdings auch nicht geraten, dass es sich um Auszubildende handelt, die gerade erst in den Beruf eingestiegen sind. Da sind Fehler ganz natürlich! Wichtig ist jedoch, dass auch hier die Kommunikation stattfindet und ausreichend Hilfestellung gegeben wird. Niemand ist perfekt, und es macht doch Spaß, sein über viele Jahre erworbenes Wissen weiterzugeben.

Sie sind selbst ZMF und übertragen Ihre Begeisterung auch auf Ihre Schülerinnen. Was schätzen Sie hieran besonders?

Brandner-Stein: „Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten“, sagte Konfuzius. Genau das ist mir geglückt, und ich versuche, dies an meine Schülerinnen weiterzugeben. Ihnen die Freude und Vielfältigkeit, die dieser Beruf mitbringt, zu zeigen. Über Schülerinnen, die diesen Weg einschlagen, freue ich mich sehr – und es macht mich stolz. Es gibt schon einige, die „meine Nachfolge“ antreten möchten. Da überdenkt man wirklich sein Alter!

Ich finde es wichtig, unseren Nachwuchs zu fördern, denn im Moment sehe ich diesen schönen Beruf vom Aussterben bedroht.

 

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