Kommentar

Im Gipfelchaos fast vergessen: Gesundheit ist globales Megathema

Der G 20-Gipfel ist vorbei, doch die zum größten Teil schrecklichen Bilder der Demonstrationen bleiben. Wenig reflektiert wurden bislang die Beschlüsse des Gipfels. Fakt ist: Gesundheitsthemen wären fast auf der Strecke geblieben.

Demonstrationszug anlässlich des G20-Gipfel in Hamburg.

Die Bilder vom G-20-Gipfel in Hamburg – sowohl die vom offiziellen Programm als auch die von den friedlichen Demonstrationen und vor allem von den gewalttätigen Ausschreitungen – haben die vielen in ihrer Langzeitwirkung für die Welt auch noch wichtigen Themen dieses Spitzentreffens in den Hintergrund geschoben. Trump, Putin und Erdogan, deren spezielle Sicht auf die Probleme der Welt und vor allem ihre eigenen Interessen haben vielfach die Schlagzeilen bestimmt.

Gesundheitsthemen stiefmütterlich behandelt

Ein Problemfeld, das dabei fast untergegangen ist, sind die vielfältigen Gesundheitsprobleme und Risiken dieser vernetzten Welt. Die Bundesregierung hatte es sich als Ausrichter des Gipfels schon früh auf die Fahnen geschrieben, in Hamburg diese Themen in den Fokus zu rücken – mit dem Bewusstsein und der Mahnung, dass viele dieser Risiken und Herausforderungen nur gemeinsam gelöst werden können. Das Vorbereitungstreffen der Gesundheitsminister dazu im Mai in Berlin stimmte optimistisch, Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe zeigte sich danach auch durchaus zufrieden.

Eines der Kernanliegen aus Sicht nicht nur der Deutschen: Der globale Kampf gegen Antibiotikaresistenzen und ihre Ursachen – weil die Folgen zunehmender Resistenzen gegen diese einstigen Wunderwaffen der Medizin die Menschen in allen Regionen dieser Welt, auch in den sich oft sicher glaubenden hochindustrialisierten Ländern, extrem verwundbar machen.

Längst besiegt geglaubte Krankheiten kehren wieder, mit aggressiveren, weil resistenten Erregern, gegen die kein Mittel mehr zu wirken scheint. Eine dieser Krankheiten ist zum Beispiel die Tuberkulose, die in vielen ärmeren Ländern der Welt noch immer tausende das Leben kostet – auch, weil dort die Behandlung mit den nötigen Medikamenten nicht möglich ist, von den Patienten aus Unwissenheit oder Kostengründen nicht lange oder intensiv genug durchgeführt wird (werden kann) oder nicht ausreichend wirksame, "gepanschte" Mittel im Umlauf sind.

Viele Menschen, auch Ärzte, haben zudem die Nachrichten zum Geschäftsgebaren der internationalen Pharmakonzerne aufgeschreckt, die die Produktion der Ausgangsstoffe für viele "Allerweltsmedikamente", auch Antibiotika, aus Kosten- und Profitgründen längst nach Indien oder Asien abgeschoben haben. Selbst im reichen Deutschland kam es zu Lieferengpässen bei einigen Wirkstoffen, so bei Metronidazol (die DZW berichtete). Der massenhafte und unkontrollierte Einsatz von Antibiotika in der Tiermast ist ein weiterer Risikofaktor.

Erreger reisen leichter

Dank Flugverbindungen bis in die entlegensten Winkel der Welt und globalem, schnellen Warenverkehr reisen Erreger heute in kürzester Zeit auch nach Europa. Kein Wunder also, dass zum Beginn der sommerlichen Reisesaison auch hierzulande Mediziner davor warnten, sich im Urlaubsparadies unliebsame Keime als „Reisemitbringsel“ einzuhandeln – die dann unter Umständen selbst in Deutschland nur schwer oder im schlimmsten Falle gar nicht mehr behandeln lassen.

Gesundheit ist heute ein globales Megathema – von der Prävention und Vorbeugung bis zum gemeinsamen Kampf gegen Gesundheitsrisiken und Gesundheitskrisen. Das Gesundheitssystem ist oft das erste, was in Staatskrisen gerade in den Entwicklungsländern zusammenbricht – gute medizinische Versorgung und ein funktionierendes Gesundheitswesen aber sind neben Frieden auch die wichtigsten Voraussetzungen für eine gute wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Jeder in der Medizin tätige, eigentlich jeder Bürger kann durch sein Verhalten selbst dazu beitragen, zum Beispiel das Problem der Antibiotikaresistenzen im Kleinen einzudämmen. Schade, dass die Ereignisse in Hamburg vom Kernthema Gesundheit, das uns alle ganz direkt angeht, so stark abgelenkt haben.

DZW-Chefredakteurin Dr. Marion Marschall

DZW-Chefredakteurin Dr. Marion Marschall