Implantologie

Interview mit Prof. Ewers

„Implantate über 6 mm Länge sind nicht mehr notwendig“

Trotz extrem kurzer enossaler Anteile der Implantate haben sich nach Ewers' Studienergebnissen auch Ganzkieferversorgungen mit relativ langer distaler Extension bewährt.
Ewers

Trotz extrem kurzer enossaler Anteile der Implantate haben sich nach Ewers' Studienergebnissen auch Ganzkieferversorgungen mit relativ langer distaler Extension bewährt.

Der MKG-Chirurg Professor Rolf Ewers (Wien) erläutert auf dem Bayerischen Zahnärztetag, warum er auch bei extrem resorbierten Kiefern in aller Regel ohne Augmentationen auskommt.

Herr Professor Ewers, Sie haben bei Professor Härle in Kiel gelernt, wie aufwendige kieferchirurgische Augmentationen durchgeführt werden. Wie sind Sie zu Ihrer heutigen Technik mit ultrakurzen Implantaten gekommen?

Prof. Dr. Dr. Rolf Ewers: „Man kann vielleicht sagen, ich bin älter geworden und etwas weiser. Seit Mitte der 1990er Jahre versuche ich zunehmend, meinen Patienten große autologe Augmentationen zu ersparen. Meine jungen Mitarbeiter machten mich dann vor einigen Jahren auf ein Implantatsystem aufmerksam (Bicon, Anm. d. Redaktion), mit dem sich auch extrem resorbierte Kiefer versorgen lassen sollten. Ich habe das zunächst nicht geglaubt, wollte die Methode aber in einer Studie prüfen.

 

Ewers

5 Millimeter kurze Implantate sind demnach in dieser Indikation erfolgreich einsetzbar. Das Längenverhältnis zwischen Implantat und Abutment plus prothetische Versorgung lag in Ihrer Studie bei zirka 1:5. Wie ist das möglich?

Prof. Dr. Dr. Rolf Ewers: Daten aus unseren Untersuchungen im Ober- und Unterkiefer zeigen nach durchschnittlich drei Jahren Implantat-Überlebensraten zwischen zirka 95 und 98 Prozent. Unsere bereits publizierten Studie nach 19 Monaten zeigt zudem ein stabiles Knochenniveau, die Versorgungen waren ebenfalls erfolgreich [1].

Die Ursache für diese vielversprechenden Ergebnisse vermuten wir in der günstigen funktionellen Belastung des Knochens, die durch das spezielle Implantatdesign und die tief subkrestale Position ermöglicht wird. Hinzu kommt, dass sich die Weichgewebe dicht an die Abutments anlagern [2].

Bitte erläutern Sie das biomechanische Prinzip etwas genauer.

Prof. Dr. Dr. Rolf Ewers: Die Grundlagen hat der orthopädische Chirurg Julius Wolff bereits im Jahr 1892 beschrieben (3). Demnach richten sich Knochenstrukturen nach den einwirkenden Kraftvektoren aus. So beobachten wir immer wieder, dass der Alveolarfortsatz des posterioren Unterkiefers erheblich an Höhe zunimmt, wenn Patienten durch implantatgetragene Versorgungen besser kauen können.

Bei geeigneter Krafteinlenkung führt ein osseointegriertes Implantat mit entsprechendem Design offenbar dazu, dass ein höher belastbarer Knochen entsteht. Dazu trägt auch bei, dass die Implantate (Bicon, Anm. d. Redaktion) eingeklopft statt geschraubt werden, gedeckt einheilen und der Knochen sich in den weiten Gewinderäumen lamellär strukturieren kann [4]. Die bei Belastung auftretenden transversalen und vertikalen Mikrobewegungen kommen besonders bei Einzelimplantaten zum Tragen [5, 6]. Knochen wird zum Beispiel auch apikal in Richtung Kieferhöhle angelagert.

Wie sieht das prothetische Konzept aus?

Prof. Dr. Dr. Rolf Ewers: Die Abutments werden bei diesem Implantatsystem nicht verschraubt, sondern nur eingeklopft, sie halten durch Friktion. Als Gerüst für unsere Ganzkieferversorgungen verwenden wir einen glasfaserverstärkten Hybridkunststoff, der auch in den Tragflächen von Boeing-Flugzeugen verwendet wird. Durch sein dentinähnliches E-Modul ist es möglich, Prothesen mit relativ langen distalen Extensionen von zirka 1,5 cm herzustellen.

Im Oberkiefer bevorzugen wir verschraubte Lösungen, im Unterkiefer herausnehmbare mit Lokatoren, Stege oder Teleskope. Es hat sich übrigens gezeigt, dass drei Implantate biomechanisch günstiger sind als vier. Das ist wie bei einem dreibeinigen Hocker, der im Gegensatz zu einem vierbeinigen Stuhl nicht kippen kann.

Die von Ihnen in den Studien verwendeten Implantate haben einen Durchmesser von 4,0 mm. Sollten schmale Implantate mit zum Beispiel 3,0 mm Durchmesser nicht ebenso funktionieren?

Prof. Dr. Dr. Rolf Ewers: Nein, nach unserer Erfahrung können 3,0-mm-Implantate bei der Versorgung zahnloser Unterkiefer brechen. Sie haben einen Abutmentschaft von nur 2,0 mm. Offenbar wird die kritische biomechanische Grenze mit kurzen und zugleich schmalen Implantaten unterschritten.

Verwenden Sie überhaupt noch längere Implantate?

Prof. Dr. Dr. Rolf Ewers: Eigentlich sind Implantate über 6 mm Länge nicht mehr notwendig. Wenn bereits Implantate vorhanden sind und Versorgungen erweitert werden müssen, arbeiten wir natürlich auch mit längeren Implantaten anderer Anbieter. Bei Neuversorgungen verwenden wir nur noch kurze oder ultrakurze Implantate. Die weniger invasive Chirurgie ist für unsere Patienten eine große Erleichterung.

Interessenkonflikt: Der Interviewer erklärt, dass er mit der Firma Bicon keine geschäftliche Verbindung hat.

Literatur

[1] Seemann R, Marincola M, Seay D, Perisanidis C, Barger N, Ewers R. Preliminary results of fixed, fiber-reinforced resin bridges on four 4- x 5-mm ultrashort implants in compromised bony sites: a pilot study. J Oral Maxillofac Surg 2015;73:630-640.

[2] Lombardo G, Corrocher G, Pighi J, Faccioni F, Rovera A, Marincola M, et al. The impact of subcrestal placement on short locking-taper implants placed in posterior maxilla and mandible: a retrospective evaluation on hard and soft tissues stability after 2 years of loading. Minerva Stomatol 2014;63:391-402.

[3] Wolff J, Wessinghage DH. Das Gesetz der Transformation der Knochen. Berlin: Hirschwald, 1892.

[4] Bozkaya D, Muftu S, Muftu A. Evaluation of load transfer characteristics of five different implants in compact bone at different load levels by finite elements analysis. J Prosthet Dent 2004;92:523-530.

[5] Urdaneta RA, Leary J, Lubelski W, Emanuel KM, Chuang SK. The effect of implant size 5 x 8 mm on crestal bone levels around single-tooth implants. J Periodontol 2012;83:1235-1244.

[6] Urdaneta RA, Daher S, Leary J, Emanuel KM, Chuang SK. The survival of ultrashort locking-taper implants. Int J Oral Maxillofac Implants 2012;27:644-654.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).