Panorama

Großbritannien in der Coronakrise

19 Millionen ausgesetzte Routineuntersuchungen seit ­Pandemiebeginn

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Die Mundgesundheit der Briten steht auf dem Spiel, das befürchten viele Zahnärzte in Großbritannien angesichts ausgesetzter Vorsorgeuntersuchungen.

 

Mark Nicholls berichtet über die anhaltenden Herausforderungen, denen Zahnärzte und ihre Patienten im Vereinigten Königreich während der Coronavirus-Pandemie gegenüberstehen.
Dentale Dienstleistungen in ganz England sowie im gesamten Vereinigten Königreich stehen aufgrund der Corona-Pandemie vor großen Herausforderungen. Die Praxen waren monatelang geschlossen und konnten auch nach der Öffnung im Sommer nur bestimmte Behandlungen anbieten, weil weiterhin Probleme bei der Beschaffung der persönlichen Schutzausrüstung (PSA) und Sorgen über die Sicherheit von Patienten und Behandlern bestanden.
Jetzt, da England sich im zweiten Lockdown befindet, bleiben Termine eingeschränkt und routinemäßige Check-ups in vielen Bereichen in der Warteschleife, da Zahnärzte sich auf Patienten konzentrieren, die aufgrund schmerzhafter Erkrankungen eine dringende Behandlung  benötigen. Mit Sorge betrachtet man, dass Veränderungen oder Erkrankungen, die Zahnärzte normalerweise in einem frühen Stadium erkennen und behandeln – beispielsweise Mundkrebs – nicht rechtzeitig erkannt werden.

Finanzierung durch das nationale Gesundheitssystem gesichert

Nick Stolls ist Zahnarzt in Norfolk

Nick Stolls

Obwohl es Schwierigkeiten für Zahnärzte und Patienten gibt, wurde die staatliche Finanzierung der Zahnärzte, die dem nationalen Gesundheitssystem National Health Service (NHS) angehören, fortgesetzt. Nick Stolls, der seit einigen Jahren als Zahnarzt im Osten Englands praktiziert und eine Kapazität von nationaler Bedeutung für den Berufsstand ist, skizziert, wie die zahnärztliche Versorgung gezwungen war, sich an die Covid-19-Bedrohung anzupassen und wie dies das Gesicht der Zahnmedizin im staatlichen System und die Gesundheitsversorgung in den kommenden Jahren verändern kann.   
Seit der frühen Phase der Pandemie hat die britische Regierung Zahnärzten im NHS-System weiterhin den vollen Betrag ihres Vertrags bezahlt, wohingegen Privatpraxen nicht die gleiche Unterstützung erhielten. Als im März der erste Lockdown in Großbritannien begann und die reguläre zahnärztliche Versorgung größtenteils eingestellt wurde, richtete man auch in Großbritannien einen Notdienst für Patienten mit ernsten Zahnproblemen ein. Dabei war es zunächst erforderlich, dass die Patienten ihre Hauszahnarztpraxis zur Video- oder Telefonbewertung anriefen, wobei sie ärztlichen Rat und unter Umständen auch eine Verordnung von Analgetika oder Antibiotika erhielten. Wenn das nicht ausreichte, wurden Patienten sowohl aus privaten als auch aus NHS-Praxen an ein regionales zahnärztliches Notfallzentrum verwiesen, in denen Zahnärzte in ausreichender Schutzausrüstung die Behandlung durchführen konnten.

Geringerer Patientendurchlauf ­wegen langen Lüftungszeiten

Als der Lockdown im Juni gelockert wurde, öffneten die Zahnarztpraxen wieder unter Berücksichtigung von Social Distancing und nur mit begrenztem Angebot von Aerosol- erzeugenden Behandlungen, zum Beispiel Bohren mit erhöhter Schnittgeschwindigkeit – wegen der freigesetzten winzigen Partikel, die möglicherweise Coronaviren enthalten.
Laut Stolls gebe es weiterhin einige Probleme beim Erwerb von PSA, aber die größte Herausforderung bestehe in der Begrenzung der möglichen Behandlungen und darin, dass der Praxisbetrieb nach jeder Behandlung wegen Reinigung und Lüftung ruhen müsse. Zunächst war eine Lüftung von einer Stunde Dauer vorgeschrieben, inzwischen habe sich diese Zeit auf 15 Minuten verringert. Die Praktik der telefonischen Triage und der weiterlaufenden Finanzierung der NHS-Praxen zu 100 Prozent wurden auch im Sommer und nun im zweiten Lockdown fortgesetzt.  
„Wir haben Erfahrung gewonnen“, erklärt Zahnarzt Stolls. „Auch aufgrund der Beobachtungen im restlichen Europa, aber das größte Problem lag darin, dass niemand die Risikofaktoren genau verstand.“ Inzwischen hat man darüber etwas mehr Klarheit gewonnen, gerade im Hinblick auf die Lüftungspraxis zwischen den Behandlungen, und das besonders bei den Aerosol-intensiven Behandlungen.
Die für Zahnmedizin zuständige Ministerin Jo Churchill sagte, die Regierung arbeite daran, das Problem der „Brachzeiten“ zwischen den Behandlungen anzugehen und die Zahnärzte bei der Anschaffung von hochwertigen Lüftungsgeräten für ihre Praxen zu unterstützen.

Schmerzpatientin haben weiterhin Vorrang

Auch wenn jetzt wieder mehr Behandlungen angeboten werden, bleibt die Sorge über die Konsequenzen von 19 Millionen ausgefallenen Routineuntersuchungen seit dem 23. März. Nick Stolls, Sekretär des Lokalen Dentalausschusses in Norfolk und geschäftsführendes Mitglied des Komitees für zahnärztliche Berufsausübung bei der British Dental Association (BDA), sagt: „Diese Zahl gibt einen Hinweis auf das Ausmaß des Problems, mit dem wir uns konfrontiert sehen. Routineuntersuchungen werden weiterhin nicht vorrangig einbestellt, sondern oberste Priorität haben Patienten mit Zahnschmerzen oder traumatischen Verletzungen. Die große Sorge ist, dass jetzt jene Patienten vernachlässigt werden, die routinemäßig alle sechs Monate zu einem Check-up und einer Weichgewebsuntersuchung kommen, um zu überprüfen, dass keine verdächtigen Läsionen, die zum Beispiel Mundkrebs begünstigen, entstanden sind. Die Mundgesundheit der Nation wird erheblich zurückfallen, weil Patienten keinen Zugang zu routinemäßiger Versorgung mehr haben.“
Darüber hinaus macht man sich Gedanken über die geistige und körperliche Gesundheit der Zahnmediziner, die unter den erschwerten Bedingungen arbeiten müssen, sich Sorgen über die Zukunft ihrer Praxen machen, ständig die persönliche Schutzausrüstung tragen müssen und dennoch Angst vor Ansteckung haben, sowie die Last der Entscheidung tragen müssen, welche Patienten sie für die Behandlung priorisieren.

Investitionsprogramm dringend erforderlich

Dennoch glaubt Stolls, dass sich aus dieser Krise auch neue Möglichkeiten ergebenen, einschließlich der Chance, das derzeitige Vergütungssystem für die NHS-Zahnärzte zu überprüfen. Anstatt pro Behandlung eines Patienten bezahlt zu werden, könnte der Schwerpunkt stärker auf Prävention gelegt werden. Darüber hinaus könnte Telefon- oder Video-Triage ein wertvolles, kostengünstiges und zeiteffizientes Werkzeug bleiben. Positiv zu bewerten sei auch die enge Zusammenarbeit zwischen Zahnärzten und NHS-Bevollmächtigten bei der Bewältigung der aktuellen Krise.
Trotzdem bleibt die Besorgnis der Zahnärzteschaft. Die British Dental Association hat dem britischen Gesundheitsminister Matt Hancock geschrieben, dass sie ein Investitionsprogramm für Praxen dringend erforderlich hält, um routinemäßige Dienstleistungen für Millionen von Patienten wiederherzustellen.
Die Aufforderung folgt auf eine kürzlich durchgeführte Erhebung unter britischen Zahnarztpraxen, die gezeigt hat, dass 70 Prozent von ihnen mit weniger als der Hälfte ihrer Kapazität als vor der Pandemie tätig sind. Als Hauptbarriere für die Erhöhung der Kapazität geben 80 Prozent die „Brachzeit“ an, also die Lüftungspause, und 55 Praxen der Praxen schätzen, dass ihre finanzielle Tragfähigkeit noch für maximal zwölf Monate gewährleistet ist.
Der BDA-Vorsitzende Eddie Crouch sagte, dass die Covid-Beschränkungen Zahnärzte mit enormen Rückständen zurückgelassen habe und sie noch immer nicht mehr als einen Bruchteil ihrer früheren Patientenzahlen behandeln können.
„Die Regierung hat die Wahl“, fügt er hinzu. „Entweder sie tätigt eine Investition, die sich auszahlt und Millionen von Menschen in die Praxen zurückbringt, oder sie lässt die Patienten weiterhin auf die Versorgung warten, die sie benötigen.“

Mark Nicholls

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