ZahnMedizin kompakt

März 2019

Neues aus der Forschung

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Jeden Monat erscheinen auf dem Gebiet der Zahn- und oralen Medizin viele Hundert wissenschaftliche Artikel. Hier eine kleine Auswahl, diesmal zu den Themen Dentin-Überempfindlichkeit, Abformung zahnloser Kiefer, Zusammenhang von Mundgesundheit und Depressionen und systemische Antibiose bei Parodontitis.

Dentin-Überempfindlichkeit wird häufig zu früh invasiv behandelt

Patienten leiden nach einem ersten Therapieversuch häufig weiterhin unter empfindlichem Dentin. Aufgrund eines Fotos und klinischer Informationen wurden kanadische Zahnärzte befragt, wie sie einen betroffenen Patienten behandeln würden [1]. Als primäre Maßnahme nannten ca. 55 Prozent häusliche Maßnahmen wie die Empfehlung einer indikationsbezogenen Zahncreme oder anderer Produkte oder eine angepasste Putztechnik. Weitere 13 Prozent nannten einen Verzicht auf kalte Getränke und 23,6 Prozent einen klinisch angewandten Desensitizer.

Bei ausbleibendem Erfolg gaben fast 40 Prozent der befragten Zahnärzte an, bereits im nächsten Schritt invasiv vorzugehen: 29,2 Prozent würden Zähne restaurieren, 7,5 Prozent vorhandene Rezessionen chirurgisch decken und 2 Prozent endodontisch behandeln. Die Autoren der Studie bewerten diesen Anteil invasiver Maßnahmen als zu hoch. Da desensibilisierende Zahncremes unterschiedlich wirken, sollten zunächst – nach Ausschluss anderer Ursachen wie Pulpitis oder Frakturen bereits vor Beginn der ersten Maßnahme – verschiedene Produkte getestet werden. Im nächsten Schritt sei ein Desensitizer angezeigt, zum Beispiel ein Fluoridlack oder ein Adhäsiv. Erst dann solle über invasive Maßnahmen nachgedacht werden.

Im klinischen Alltag erscheint dieses abgestufte Protokoll nicht immer praktikabel. Zum Beispiel wird sicher häufig sofort ein Desensitizer verwendet und parallel eine Zahncreme und gegebenenfalls ein Gel oder eine Spüllösung empfohlen. Vor einer invasiven Maßnahme erscheint aber ein weiteres, ätiologisch geleitetes Vortasten durchaus angebracht.

Design von Totalprothesen-Löffeln beeinflusst Abformqualität

Eine Studie aus Korea geht der Frage nach, wie unterschiedliche Löffel-Designs und Materialien die Abformqualität bei Schlotterkamm beeinflussen [2]. Dazu modifizierten die Forscher Akrylmodelle so, dass diese in verschiedenen Regionen bewegliches Gewebe simulierten. Auf Basis der Abformungen erstellten sie Gipsmodelle und digitalisierten sie mit einem Laborscanner. Schließlich ermittelten sie per Computer den Einfluss der verwendeten Methode auf die Abformgenauigkeit.

Bei Löffeln, die im Bereich des Schlottergewebes bukkal ausgeschliffen worden waren, wurde dieses an allen Messpunkten signifikant weniger verlagert. Auch das Abformmaterial – A-Silikon, Polyether oder Zinkoxid-Eugenol-Paste – spielte hier keine signifikante Rolle. Bei Löffeln mit konventioneller oder verstärkter Entlastung im Bereich der Schlottergewebe war die Verlagerung jeweils höher als beim offenen Löffel. Negative Abweichungen (Modelldimension zu klein) wurden hier für den Alveolarkamm, den distalen Anteil des Schlottergewebes und die Gaumenmitte festgestellt. Positive Abweichungen (Modell zu groß) ergaben sich dagegen für den anterioren Anteil des Schlottergewebes.

Die Autoren folgern, dass die größten Präzisionsunterschiede in Abhängigkeit vom Löffeldesign im anterioren und posterioren Anteil des Schlottergewebes auftreten. Ein bukkales Fenster mit entsprechender Abflussmöglichkeit hat gegenüber konventioneller Entlastung des Alveolarkamms signifikante Vorteile.

Depressive Menschen haben mehr Karies und verlieren mehr Zähne

Menschen, die unter Depressionen leiden, haben nach einer aktuellen Literaturanalyse eine höhere Kariesprävalenz als psychisch Gesunde [3]. Da Depressionen häufig mit gesundheitsgefährdendem Verhalten wie erhöhtem Alkoholkonsum, ungesunder Ernährung und Bewegungsmangel verbunden sind, ist dieses Ergebnis laut Autoren plausibel und das Zusammentreffen könnte kausal sein. Hinzu kommen eine bei Depressiven häufig reduzierte Speichelflussrate und eine reduzierte Immunantwort.

Überraschend ist dagegen eine nicht nachweisbare Assoziation zwischen Depression und Parodontitis, die mit zwei weiteren systematischen Arbeiten übereinstimmt. Möglicherweise liegt dies daran, dass in den ausgewerteten Studien nicht jeweils beide empfohlenen parodontalen Parameter, also Sondierungstiefe und Attachmentverlust, herangezogen wurden. Weitere Langzeitstudien, die unterschiedliche Parodontitis-Schweregrade erfassen und mit ausreichender statistischer Power ausgestattet sind, sollten folgen.

Die Autoren der Studie diskutieren auch einen Effekt von Zahnverlusten auf die psychische Gesundheit und eine wechselseitige Beeinflussung. Für beides könnte auch sprechen, dass die Lebensqualität alter Menschen einerseits durch Zahnverlust beeinträchtigt wird, andererseits ein ungesunder Lebensstil sowohl mit Zahnverlust als auch Depressionen verbunden (assoziiert) ist. Zudem haben alte Menschen eine erhöhte Prävalenz sowohl von schwerer Parodontitis, als auch von Depressionen. Entsprechende klinische Aufmerksamkeit ist angezeigt.

Systemische Antibiotika könnten bei schwererer Parodontitis und jüngeren Patienten besser wirken

Parodontitis-Patienten mit bestimmten Merkmalen profitieren offenbar signifikant besser von einer kombinierten Therapie mit systemischer Gabe des „van Winkelhoff-Cocktails“ (Amoxicillin/Metronidazol, Testgruppe) als andere. Dabei handelt es sich um Patienten unter 55 Jahren, mit ≥35 Prozent Taschen über ≥5 mm Tiefe oder mit einem mittleren Attachmentniveau von umehr als 5 mm. Als Basis dienten Daten von 345 Patienten, die im Rahmen der deutschen multizentrischen Studie „Adjuvante antimikrobielle Therapie von Parodontitis“ (ABParo) erhoben wurden [4]. Kontrollpatienten erhielten ein Placebo.

Beide Gruppen absolvierten nach der Initialtherapie alle drei Monate ein parodontales Recall und wurden gut zwei Jahre (27,5 Monate) später nachuntersucht. Im Einzelnen konnte gezeigt werden, dass nach kombinierter Therapie (Test) bei Patienten unter 55 Jahren durchschnittlich 5,2 Prozent der Messpunkte einen zusätzlichen Attachmentverlust aufwiesen (Placebo: 9 Prozent). Bei den Patienten mit erhöhten Taschentiefen kamen in der Testgruppe 4,5 Prozent Messpunkte mit weiterem Attachmentverlust hinzu, in der Placebogruppe dagegen 11,6 Prozent. Für Patienten mit höherem mittleren Attachmentniveau betrugen die Werte 5,2 Prozent (Test) und 12,5 Prozent (Placebo).

Obwohl erst nach Erscheinen der neuen S3-Leitlinie von DG Paro und DGZMK zur systemischen Antibiose publiziert, spiegelt die Studie deren Empfehlungen [5]. In einem Interview führt Mitautor Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf aus, dass in tieferen Taschen leichter eine erneute Dysbiose auftritt und das Rezidivrisiko steigt [6]. Eine Antibiotikagabe könne einem Rezidiv entgegen wirken und damit die Wundheilung fördern.


Literatur

[1] Clark D, Levin L. Tooth hypersensitivity treatment trends among dental professionals. Quintessence Int 2018;49:147-151.
[2] Shin J-O, Ko K-H, Huh Y-H, Cho L-R, Park C-J. Displacement of Simulated Flabby Tissue by Different Tray Designs and Impression Materials. J Prosthodont; online 2019_02_15
[3] Cademartori MG, Gastal MT, Nascimento GG, Demarco FF, Corrêa MB. Is depression associated with oral health outcomes in adults and elders? A systematic review and meta-analysis. Clin Oral Investig 2018;22:2685-2702.
[4] Eickholz P, Koch R, Kocher T, Hoffmann T, Kim T-S, Meyle J, et al. Clinical benefits of systemic amoxicillin/metronidazole may depend on periodontitis severity and patients’ age. An exploratory sub-analysis of the ABPARO-trial. J Clin Periodontol; online 2019_03_02
[5] DG PARO Deutsche Gesellschaft für Parodontologie e. V. , DGZMK Deutsche Gesellschaft für Zahn- M-uK. Adjuvante systemische Antibiotikagabe bei subgingivaler Instrumentierung im Rahmen der systematischen Parodontitistherapie S3-Leitlinie (Kurzversion). Stand: 12.11.2018 Gültig bis: 11.11.2023. AWMF-Registernummer: 083-029. guideline, 2018.
[6] Redaktion. https://www.quintessenz-news.de/antibiotika-in-der-par-therapie-das-empfehlen-die-neuen-leitlinien/ Interview mit Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf. Quintessence News, 2018.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).

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