3D-Darstellung Schädelknochen

IAAID-Tagung (1)

Mit Funktion ist alles besser: digitale Werkzeuge haben hohes Potenzial

Die International Academy of Advanced Interdiscplinary Dentistry (IAAID) ist ursprünglich eine Vereinigung von Funktionsspezialisten, die die Schule von Professor Rudolf Slavicek absolviert haben. Mit Vorträgen zu opto-elektronischer Analyse für jede Praxis, Dentinkern-Rekonstruktion mit 3D-Druck und funktionsgerechter Kieferorthopädie mit CAD/CAM zeigte sie sich am in der dritten Januarwoche in München ausgesprochen zukunftsfest.
3D-Darstellung Schädelknochen

IAAID-Tagung: Digitalen Werkzeugen wie der opto-elektronischen Analyse kommt in der Funktionsdiagnostik künftig noch mehr Bedeutung zu.

Slavicek sollte den einleitenden Vortrag zur Entwicklung der Zahnmedizin aus funktionellem Blickwinkel halten, fehlte jedoch aus gesundheitlichen Gründen. In seiner Vertretung nannte IAAID-Präsident Dr. Markus Greven (Bonn) als Ziel, Funktions- und anatomische Daten für restaurative und orthodontische Anwendungen zusammenzuführen (mehr dazu im Interview).

Artikulatoren für funktionelle Diagnostik überflüssig

Wie weit dieser Weg bereits beschritten ist, demonstrierte der Zahnarzt und Ingenieur Dr. Bassam Hassan (MSc, PhD), der am Academic Centre for Dentistry Amsterdam (ACTA) forscht und lehrt. Für ihn dienen Artikulatoren nur dazu, Modelle zu fixieren. Da sie die realen Verhältnisse nicht wiedergeben, seien sie für funktionelle Diagnostik überflüssig, das gelte auch für virtuelle Artikulatoren. Notwendig sei dagegen eine korrekte Referenzierung von Okklusionsebene und Exkursionsbewegungen im Verhältnis zum Schädel.

Dr. Bassam Hassan am Rednerpult

„Wozu benötigen wir Artikulatoren?“ Dr. Bassam Hassan, Spezialist für Implantatchirurgie, plädiert für eine anatomisch orientierte, digitale Prothetik.

Echtzeitaufzeichnung mit Kamerasystemen

Das zum Beispiel in der Implantologie praktizierte Abgleichen (Matchen) von Zahnreihen und DVT-Aufnahmen sei bei geringer Restbezahnung zu ungenau und deshalb für komplexe Rekonstruktionen ungeeignet. Die Lösung sieht Hassan in Systemen, die mit digitalen Kameras arbeiten. Er stellte ein von ihm verwendetes System vor (MODJaw), das noch nicht kommerziell erhältlich, aber auf der IDS zu sehen sein wird. Mit diesem lässt sich die Bewegung des Unterkiefers durch Filmen von Bezugspunkten auf der Außenhaut in Echtzeit aufzeichnen [1].

Instrumentelle Analyse für alle

Als Schädelbezug dienen ebenfalls Punkte auf der Außenhaut. Die Gelenkachse wird mithilfe dieser Marker und der Bewegungsaufzeichnung mathematisch ermittelt. Dieses virtuelle Rotationszentrum ist nicht mit der funktionsanalytisch definierten Gelenkachse identisch. Sie lässt sich aber laut Hassan in der Software der gewünschten Interkuspidations-Position anpassen. Er demonstrierte das Vorgehen in einem Video und nannte einen Zeitbedarf von 10 bis 20 Minuten: „Es wird ein Verfahren für alle Zahnärzte sein. Jedenfalls für 100.000 anstelle der sehr begrenzten Zahl, die heute instrumentelle High-End-Systeme verwenden“.

Dr. Markus Greven

„Ein Funktions-Screening gehört zu jedem Erstbefund“ - Dr. Markus Greven (Bonn und Wien) erwartet präzise optische Aufzeichnungstechnik bis 2020.

Funktionsdaten und Modell-Scan kombinieren

Die gewonnenen Funktionsdaten können mit einem Modell-Scan kombiniert und für ein virtuelles Wax-up genutzt werden. Dieses lässt sich wie gewohnt in eine CAD/CAM-Restauration überführen – in Verbindung mit Gesichts-Scans auch für komplexe und Ganzkieferversorgungen. Begrenzend wirkten – noch – die unzureichende Präzision der Optik und die unscharf definierte virtuelle Gelenkachse. Hier und bei neu zu definierenden Bezugsebenen gibt es offensichtlich noch Entwicklungsbedarf.

Das Zusammenspiel von Funktion und Kaumuskulatur

Wie Kaumuskeln die Funktion beeinflussen können, demonstrierte der kanadische Ingenieur Ian Stavness (PhD). Mit einer speziellen Software (ArtySynth) lassen sich auf der Basis von CT-Aufnahmen Muskelaktivitäten grafisch und auch quantitativ simulieren. Okklusale Beziehungen und die Funktion von Kiefergelenk und Zunge können laut Stavness in neuer Qualität untersucht werden. Zusätzlich wird versucht, den Einfluss des parodontalen Ligaments zu berücksichtigen. Auch hier sollen optische Aufzeichnungen dazu beitragen, Kieferfunktion und Okklusion in Echtzeit digital darzustellen.

Indikationen für 3D-Röntgen bleiben

Die MODJaw-Methode, von der es weitere experimentelle Varianten gibt, funktioniert ohne 3D-Röntgen. Bei komplexen Versorgungen mit chirurgischer Komponente oder in der Schlafapnoe-Diagnostik (Sicat Air) kann jedoch ein DVT oder auch CT erforderlich sein. So erläuterte Prof. Dr. Dr. Andreas Kolk (Technische Universität München) den aktuellen Stand von virtueller chirurgischer Planung bis hin zu CAD-gebogenen Osteosyntheseplatten, beides unter Berücksichtigung der Kieferrelation. Der Zeitbedarf verlagert sich nach Kolks Analyse in Richtung Planung, sicher ein positiver Aspekt für Patienten.

Analoge und digitale Welt sinnvoll verknüfbar

Anhand einer mit großem Aufwand durchgeführten Studie zeigte der ungarische Zahnarzt Elöd Úry (MSc), dass der Transfer von elektronisch registrierten Funktionsdaten (Cadiax) vom Gipsmodell in die Software über laborbasierte Scans funktionieren kann. Abweichungen sind demnach auf Kontaktpunktebene gering. Die Studie kann als Rückzugsgefecht „klassischer“ elektronischer Aufzeichnungssysteme aufgefasst werden. Sie zeigt aber konkret, wie analoge und digitale Welt mit aktuell verfügbaren Methoden verknüpfbar sind.

Der zweite Teil des Berichts handelt von neuen restaurativen und kieferorthopädischen Therapie-Methoden mit digitalen Werkzeugen.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).

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