Mitarbeiterführung: Ein Team voller Prinzessinnen

„So darfst du nicht mit mir sprechen“, sagt die vierjährige Rebecca zu ihrem Vater. „Ich bin doch eine Prinzessin.“ „Und wie soll ich mit dir sprechen?“ „Ehrfühlig“. „Ehrfürchtig, meinst du wohl.“ „Ja, genau so sollst du sprechen“. Denn Rebecca möchte als Prinzessin anders behandelt werden. Schließlich geht sie anders, spricht anders und handelt so, wie ihre Eltern es von ihr nicht kennen.

„Tu-mal-so-als-ob-Spiele“ sind unter Kindern sehr beliebt. Und ihre gesamte Physiologie ändert sich, sobald sie in die Rolle einer Prinzessin, eines Polizisten, eines Feuerwehrmanns oder einer Fee schlüpfen. Erst wenn sie müde werden, dann kommt das kleine Kind zurück und braucht seine Eltern wieder. Diese menschliche Fähigkeit, ein anderer sein zu können, machen sich auch Coaching und Psychotherapie zunutze. Hier gibt es „Tu-mal-so-als-ob-Interventionen“, die genau diese menschliche Fähigkeit nutzen. Wenn man also etwas erreichen möchte, dann tut man einfach so, als hätte man es schon erreicht – und schon fühlt man sich anders, geht anders, spricht anders.

„Tu mal so als ob“

Kommt also beispielsweise eine Person in ein Coaching und möchte gerne eine gute Führungskraft werden, glaubt aber von sich selbst, das nicht zu können, dann kann ein Coach diesen „Als-ob-Rahmen“ setzen. „Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären eine hervorragende Führungskraft. Sie freuten sich jeden Tag auf Ihre Praxis, Sie hätten ein wunderbares Team mit einzigartigen Mitarbeitern, die untereinander sehr gut auskommen, und Ihre Praxis florierte. Was würden Sie dann konkret anders tun als heute?“

Positives aus der Zukunft ins Hier und Jetzt holen

Allein bei der wunderschönen Beschreibung der Möglichkeit setzen sich die ratsuchenden Personen oft schon anders hin. Sie richten sich auf und ein Lächeln huscht in ihr Gesicht. Und sie wissen auch gleich etwas zu sagen: „Ich hätte gute Laune.“ Dann fragt der Coach nach: „Wie kann das gelingen, morgens gute Laune zu haben?“ etc. Wenn wir uns etwas Positives in der Zukunft vorstellen, dann können wir es schnell ins Hier und Jetzt holen und es zu einer Fertigkeit für den Alltag machen. Vielleicht nicht immer und sofort, aber nach und nach.

Menschliche Anpassungsfähigkeit nutzen

Wir Menschen haben eine enorme Anpassungsfähigkeit. Nicht umsonst sind wir die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, die in den Tropen und im Eis leben können. Das macht uns so schnell keiner nach. Wir können uns flexibel anpassen und auf die Gegebenheiten einstellen. Der Körper lernt kinderleicht.

Das zeigt auch die aktuelle Placeboforschung. Unser Körper braucht drei Mal ein Schmerzmittel, dann hat er gelernt, selbst den Prozess der Schmerzminderung in Gang zu setzen. Die vierte Medikamentengabe kann dann leicht ein Stück Traubenzucker sein. Der Körper nutzt seine innere Apotheke und bildet das Medikament nach. Und wenn dazu noch ein paar zuversichtliche Worte des Arztes kommen, die voraussagen, dass der Schmerz abnehmen wird, dann kann eine Weisheitszahnoperation deutlich angenehmer nachklingen, als wenn es kein gutes Vertrauensverhältnis zum Arzt gibt und dieser nichts sagt oder lediglich Medikamente mitgibt und Schmerzen ankündigt.

Erwartung an ein Verhalten kann dieses Verhalten auslösen

Die Erwartung, die ein Arzt in Bezug auf Schmerz in uns auslöst, kann also den Verlauf des Schmerzempfindens deutlich beeinflussen. Seit dem berühmten Rosenthal-Effekt wissen wir auch, dass die Erwartung an ein Verhalten von Menschen dieses Verhalten auslösen kann. Wenn also Versuchsleiter davon überzeugt sind, dass ihre Ratten besonders klug sind und deswegen schneller das Labyrinth durchlaufen werden, dann gelingt es diesen Ratten, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Im Gegensatz zu der Gruppe Ratten, deren Versuchsleiter davon überzeugt sind, besonders dumme Ratten zu betreuen. Alleine die Auffassung der Versuchsleiter von ihren Tieren bringt diese zu guter oder schlechter Leistung. Das ist schon erstaunlich, da Ratten nicht einmal das gesprochene Wort verstehen können. Alleine die Ausstrahlung des Versuchsleiters beeinflusst ihr Tun.

Bessere Entwicklungschancen

Und da kann man nicht umhin, an die Mitarbeiterführung zu denken. Wenn wir also in der Lage sind, uns so zu verhalten, wie wir es eigentlich möchten, wir so anpassungsfähig sind und unser Körper selbst auch ohne Zugabe von Medikamenten Schmerz steuern kann und die Überzeugung der Versuchsleiter so relevant ist – wie steht es dann mit der Überzeugung von Führungskräften über ihre Mitarbeiter?

Ein bisschen wie Prinzessinnen

Es liegt zum einen nahe anzunehmen, dass sich Mitarbeiter entsprechend unserer Meinung über sie verhalten. Ändern wir unsere Meinung, hat auch das Verhalten eine Chance, sich zu entwickeln. Wir müssen ja nicht gleich die Mitarbeiterinnen wie Prinzessinnen behandeln, aber wenn wir sie so behandeln, als würden sie sich so kompetent, vertrauenswürdig, verbindlich etc. verhalten, wie wir uns das wünschen, dann haben wir eine deutlich höhere Chance, dass sich die Mitarbeiterinnen tatsächlich in diese Richtung entwickeln, als wenn wir aus Enttäuschung in erster Linie die Defizite erkennen und entsprechend mit der Mitarbeiterin umgehen.

Vielleicht haben Sie Lust, morgen einmal so zu tun, als hätten Sie das beste Team der Welt. Behandeln Sie einfach jede Mitarbeiterin ein bisschen wie eine Prinzessin – Ihre Prinzessin. Und beobachten Sie dann, wie sich das Verhalten in der nächsten Zeit entwickelt. Sie dürfen gespannt sein.