54,3 Prozent der Deutschen verfügen über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz.
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54,3 Prozent der Deutschen verfügen über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz.

Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz: Förderung in allen Lebensbereichen gefordert. Im Februar war es soweit. Schirmherr Noch-Gesundheitsminister Hermann Gröhe nahm den Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz mit den Worten entgegen: „Mit dem Nationalen Aktionsplan gibt es nun einen wissenschaftlichen Leitfaden, der zeigt, wie die Gesundheitskompetenz in unserem Land bei der Bildung, Ernährung und Arbeit, aber auch durch einen verständlicheren Austausch zwischen Arzt und Patient gestärkt werden kann.“ Und weiter: „Mit diesem Leitfaden können wir viel bewegen!“

Schauen wir uns den Leitfaden also etwas genauer an. Im Bereich Gesundheitskompetenz sieht es in Deutschland wenig gut aus. Bereits 2016 untersuchte ein Team um Prof. Dr. Doris Schaeffer von der Uni Bielefeld die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland. Das Fazit: „Die Ergebnisse der Studie zeigen: 54,3 Prozent der Deutschen verfügen über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Mehr als die Hälfte der Deutschen sieht sich somit vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt, wenn es darum geht, mit gesundheitsrelevanten Informationen umzugehen, um gesundheitliche Belastungen und Krankheiten zu bewältigen, sich im Alltag stellende Herausforderungen der Gesundheitserhaltung anzugehen und dazu erforderliche Entscheidungen zu treffen.“

Bereits im Sommer 2017 gaben Gröhes Gesundheitsministerium und die Spitzenverbände im Gesundheitswesen eine gemeinsame Erklärung ab und bildeten die „Allianz für Gesundheitskompetenz“ mit der Zielsetzung der verstärkten allgemeinen Gesundheitsbildung, der Schaffung eines nationalen digitalen Gesundheitsportals und der Stärkung der Kommunikationskompetenz im Bildungsbereich des Gesundheitswesens. Die Steuerung und Koordinierung liegt beim BMG. Gesundheitskompetenz ist für Gröhe eine Herzensangelegenheit. Zudem liegt das geschätzte Einsparpotenzial allein im Gesundheitssystem bei 15 Milliarden Euro – da ist die Aufmerksamkeit eines jeden Gesundheitsministers gewiss. Parallel zur Allianz für Gesundheitskompetenz entwickelten die Bielefelder Wissenschaftler um Prof. Schaeffer gemeinsam mit dem Team der Berliner Hertie School of Governance rund um Prof. Dr. Klaus Hurrelmann den Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Das Projekt wurde von der Robert-Bosch-Stiftung und dem AOK-Bundesverband gefördert.

Was ist denn eigentlich „Gesundheitskompetenz“?

Gesundheitskompetenz bedeutet vor allem, dass Menschen angemessen mit gesundheitsrelevanten Informationen umgehen können. Abgeleitet wurde der Begriff aus dem englischen „Health Literacy“, bezog sich also ursprünglich vor allem auf die Lesekompetenz. Heute ist der Begriff weiter gefasst und schließt die Fähigkeiten ein, gesundheitsrelevante Informationen finden, verstehen, kritisch beurteilen, auf die eigene Lebenssituation beziehen und für die Erhaltung und Förderung der Gesundheit nutzen zu können. Das ist vor allem für drei Bereiche relevant: Krankheitsbewältigung, Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung. Für Gröhe liegt daher „der Schlüssel für hohe Lebensqualität“ in der Gesundheitskompetenz. „Mit dem ‚Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz‘ liegt nun ein wissenschaftlicher Leitfaden vor, der den Verantwortlichen in Politik, Wissenschaft und Praxis zeigt, wie die Gesundheitskompetenz in unserem Land gestärkt werden kann. Dabei geht es um Bildung und Erziehung, um Verbraucherverhalten und Ernährung, um Wohnen und Arbeiten, um den Umgang mit Medien, aber auch um mehr Verständlichkeit im Austausch zwischen Ärztinnen und Ärzten und ihren Patientinnen und Patienten.“ Hier spielen also persönliche und systemische Aspekte zusammen. Kein Top-down, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe wird hier formuliert. Der Aktionsplan benennt so auch eine ganze Palette an Herausforderungen:

  • Demografischer Wandel – mehr Lebensqualität für ältere Menschen
  • Zunahme chronischer Erkrankung – Förderung der Selbstmanagements
  • Patienten werden zum Mitwirkenden
  • Das ausdifferenzierte Gesundheitssystem wird unübersichtlicher
  • Soziale Ungleichheit fördert gesundheitliche Ungleichheit
  • Die kulturelle Diversifizierung stößt auf kommunikative Grenzen
  • Die digitale Informationsflut ist unübersichtlich und ohne Qulitätszertifikat

Viel Lärm um nichts? Oder der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

Ausgehend von diesen Herausforderungen identifiziert der Aktionsplan vier Handlungsfelder: die Lebenswelten, das Gesundheitssystem, chronische Erkrankungen und die Forschung. Zu allen Feldern gibt der Aktionsplan sinnvolle und detaillierte Empfehlungen. Die übersichtliche Kurzfassung mit sämtlichen Empfehlungen gibt es hier.

Der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz ist ein wirklich fundierter Leitfaden. Er benennt Bekanntes und spricht Brisantes aus. Hier wird nicht verschleiert, dass ärmere oder weniger gebildete Menschen früher und stärker von Krankheiten, vor allem von chronischen Erkrankungen, betroffen sind. Und früher sterben. So liegt die Lebensdauer des ärmsten Fünftels der Bevölkerung um rund zehn Jahre niedriger als die des reichsten Fünftels. Menschen mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz achten weniger auf Prävention und nehmen das Gesundheitssystem erst bei Krankheit in Anspruch. Sie sind viermal so häufig im Krankenhaus. Zudem verstehen sie die Ausführungen der Ärzte nicht. Das ist auch ungünstig für den Therapieverlauf. Von den Mängeln des Bildungssystems und den Schwierigkeiten der anderen Handlungsfelder wollen wir hier lieber schweigen.

Der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz legt offen, wo überall Handlungsbedarf besteht. Aber eine Frage bleibt doch: Wo ist die „Action“ hinter dem Aktionsplan? Die gegebenen Empfehlungen sind sinnvoll – etwa „das Erziehungs- und Bildungssystem in die Lage zu versetzen, die Förderung von Gesundheitskompetenz so früh wie möglich im Lebenslauf zu beginnen“. Unser föderales Bildungssystem nur einen kleinsten Schritt zu bewegen, erscheint allein eine Herkulesaufgabe. So bleibt der Aktionsplan eine Leitlinienempfehlung, eher ein „Call for action“. Mehr dürfen wir von diesem mit relativ überschaubaren Bordmitteln ausgestatteten Projekt auch nicht erwarten. Was bleibt ist die Erkenntnis über die Größe der Aufgabe, die hinter dem Projekt einer umfassenden Förderung der Gesundheitskompetenz steckt. Wollen wir hoffen, dass der Aktionsplan nicht nach kurzer Zeit in den Tiefen von Schubläden verschwindet.

Literatur: Schaeffer D, Hurrelmann K, Bauer U und Kolpatzik K (Hrsg.): Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Die Gesundheitskompetenz in Deutschland stärken. Berlin: KomPart 2018.