Oralmedizin kompakt

Neues aus der Forschung

Mangelnde Aufmerksamkeit erhöht Sterblichkeit bei Karzinomen

Neues aus der oralmedinischen Forschung
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Oralmedizin kompakt: Frisches Wissen für Ihre Praxis

Für Ihre Patienten wollen Sie auf dem Laufenden bleiben. Welche Methoden funktionieren – und sind möglichst mit Studien abgesichert? Die Kolumne Oralmedizin kompakt liefert Antworten. Fachjournalist Dr. med. dent. Jan H. Koch sichtet für Sie laufend wissenschaftliche und praxisorientierte Publikationen oder berichtet von Veranstaltungen. Die Beiträge finden Sie online auf unserer Landingpage. Gehen Sie auf Entdeckungsreise!

Leitlinie mit nützlichem Algorithmus – Awareness Month in den USA

Im Jahr 2018 wurden weltweit 650.000 orale Plattenepithelkarzinome diagnostiziert, bei jährlich 330.000 Toten. Die gute Nachricht ist, dass die Überlebensrate bei Erkennung in frühen Krebsstadien signifikant steigt [1]. So verbessert sich die Prognose bei lokalisierter Erkrankung um 84 Prozent und bei Beteiligung der regionären Lymphknoten noch um 66 Prozent. Anlässlich des „Head and Neck Cancer Awareness Month“ in den USA wird betont, dass Zahnmediziner („oral health care professionals“) am besten für ein effektives Patienten-Screening geeignet seien [2]. In Europa startete am 21. September die 8. Aktionswoche Kopf-Hals-Tumoren, in deren Rahmen Patienten über ein Kontaktformular Fragen einreichen können. Auf derselben Seite sind Experten-Statements (Videos) mit vielseitigen Informationen abrufbar, unter anderem zu einer neuartigen Immuntherapie.

Die in diesem Jahr aktualisierte Leitlinie zum Thema nennt als primäre Untersuchungsmaßnahme eine systematisch durchgeführte Inspektion und Palpation [3]. Ein übersichtlicher Algorithmus zeigt, wie verdächtige Läsionen in der Praxis gehandhabt werden sollten (Abb. 1). Nach dem US-amerikanischen Beitrag gehört zum Screening auch, Risikofaktoren zu identifizieren, vor allem Rauchen, Alkohol und häufig wechselnde Sexualpartner. Letzterer Faktor ist speziell in Bezug auf das Humane Papilloma-Virus (Serotyp 16) von Interesse. 

 

Schema Diagnostik
Abb. 1: Algorithmus zur AWMF-Leitlinie „Diagnostik und Management von Vorläuferläsionen des oralen Plattenepithelkarzinoms in der Zahn-, Mund-, und Kieferheilkunde“. (Quelle: DGMKG)

In den USA werden Rachenkarzinome deutlich häufiger durch dieses Virus ausgelöst als in Deutschland.
Unabhängig von der Ursache werden Krebsvorstufen und Karzinome im Rachen wahrscheinlich häufiger übersehen als im Mund (Abb. 2 und 3). Im Interesse der Patienten sollte daher eine gründliche Inspektion des von oral einsehbaren Rachenanteils einschließlich Tonsillen in der zahnärztlichen Praxis zur Routine gehören [4].

 

Inspektion Rachenanteil
Abb. 2: Plattenepithelkarzinom des weichen Gaumens
 –  rechtsseitig mit Ausbreitung über die Mittellinie (Pfeile). 
 
Mundkarzinom
Abb. 3: Plattenepithelkarzinom des Mundbodens
mit erheblicher Ausdehnung.   (Fotos: Jürgen Hoffmann)

Dafür wird mit einem Holzspatel auf die Mitte der nicht herausgestreckten Zunge gedrückt. Geprüft werden die Beschaffenheit der Rachenschleimhaut (gesund = blass und feucht) und die Beweglichkeit des Gaumensegels.
Handlungsbedarf besteht offenbar auch in Bezug auf Tumoren der Gesichtshaut. So werden Basalzellkarzinome nach einer aktuellen Dissertation nur in Ausnahmefällen von Zahnärzten erkannt und überwiesen [5]. Die medizinisch dringend gebotene Aufmerksamkeit gegenüber Tumoren im Mund- und Gesichtsbereich sollte – von der universitären Ausbildung bis in die Leistungs- und Honorierungssysteme – besser gefordert und gefördert werden.

Literatur

[1] Chi AC, Day TA, Neville BW. Oral cavity and oropharyngeal squamous cell carcinoma – an update. CA Cancer J Clin 2015 Sept-Oct;65(5):401–21.
[2] Carlson ER, Kademani D. Head and Neck Cancer Awareness Month. J Am Dent Assoc 2020 Apr;151(4):223–4.
[3] DGMKG, et al. Diagnostik und Management von Vorläuferläsionen des oralen Plattenepithelkarzinoms in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Leitlinie S2k, Registernummer 007-092. Stand: 1.9.2019 , gültig bis 31.8.2024, aktualisiert 2020_04_22.
[4] Koch JH. ZahnMedizin kompakt: Inspektion der Mundschleimhaut ist auch bei HPV-Testung Pflicht. Mit Statements Prof. Hoffmann (Heidelberg) und Dr. Hilrich (Abviris). Die ZahnarztWoche 2017, Nr. 43:10–1.
[5] Rupenthal H. Das Basalzellkarzinom der Nase – Klinik und histologische Behandlungsergebnisse von 222 ambulant operierten Tumoren. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Zahnmedizin. Marburg, 2019.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne Oralmedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).

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