Seniorenzahnmedizin

Interview mit Prof. Nitschke

„Die Anforderungen an die Seniorenzahnmedizin haben sich geändert“

Prof. Dr. Ina Nitschke, Präsidentin der DGAZ.
Michelle Spillner

Prof. Dr. Ina Nitschke ist Präsidentin der DGAZ.

Die Deutsche Gesellschaft für Alterszahnmedizin e.V. vertritt als wissenschaftliche Fachgesellschaft auf nationaler und internationaler Ebene die Interessen in diesem zahnmedizinischen Bereich. Sie fördert die Forschung und Umsetzung gerostomatologischer Erkenntnisse zur Prävention, Therapie und Nachsorge für fitte, gebrechliche und pflegebedürftige Senioren. Was die Gesellschaft bislang erreicht – und was sie noch alles vorhat – darüber sprach DGAZ-Präsidentin Prof. Dr. Ina Nitschke mit DZW-Redakteurin Evelyn Stolberg.

Sie sind Gründungsmitglied und seit dem Jahr 2000 Präsidentin der DGAZ. Warum haben Sie sich für den Schwerpunkt Seniorenzahnmedizin entschieden?

Prof. Dr. Ina Nitschke: Auf die Seniorenzahnmedizin kam ich durch ein persönliches Erlebnis. 1983 wurde meine Großmutter – zwei Monate, nachdem ich mein Examen gemacht hatte – ins Krankenhaus gebracht. Sie teilte sich mit einer unheilbar kranken Frau das Zimmer. Ich prüfte die Prothese der Zimmernachbarin und fragte den diensthabenden Arzt, ob ich die Druckstellen behandeln dürfte. Seine Antwort lautete: „Das lohnt sich bei der Diagnose der Patientin nicht mehr.“ Dass ich mich nicht gegen ihn durchgesetzt habe, hat mich lange beschäftigt. Vor allem, weil die alte Dame meine Großmutter noch überlebt hat. Ich fing an, zu recherchieren. Doch über Seniorenzahnmedizin fand ich damals fast nichts.

Was sind heute die größten Herausforderungen in der Seniorenzahnmedizin?

Nitschke: Insgesamt gibt es drei große Herausforderungen. Die Versorgung der Senioren, die Pflege und die Universitäten.

Können Sie das näher erläutern? Zunächst in Bezug auf die älteren Patienten?

Nitschke: Die Senioren müssen immer wieder dafür sensibilisiert werden, dass es wichtig ist, auf Zähne und Prothesen zu achten. Das können Zahnärzte, Hausärzte, Pfleger oder Angehörige übernehmen. Angepasst werden muss diese Sensibilisierung natürlich immer auf die jeweilige Lebensphase, die in fit, gebrechlich oder pflegebedürftig einzuordnen ist. Heute haben wir manchmal Hundertjährige mit eigenen Zähnen, die sogar noch in die Praxen kommen. Durch die gute medizinische Versorgung gibt es immer mehr ältere Menschen mit immer größeren Bedürfnissen.

Und das Pflegepersonal? Was ist da zu beachten?  

Nitschke: Die Mundgesundheit der Menschen mit Pflegebedarf wird in der Pflege insgesamt zu wenig thematisiert. Wir müssen also dafür sorgen, dass mehr orales Problembewusstsein und mehr Wissen in diese Berufsgruppe kommt. Außerdem benötigen wir ihre Zeit und Motivation als Unterstützung und Schnittstelle zwischen den Patienten, den Angehörigen und der Pflege. Dies wird zurzeit aber nicht zusätzlich honoriert. Das ist nicht in Ordnung, vor allen Dingen, weil sich die Anforderungen durch die Pflegebedürftigen mit zunehmend eigenen Zähnen geändert haben. Früher hatten die Senioren Prothesen, deren Reinigung relativ einfach war. Heute sollen Pfleger einerseits dafür sorgen, dass der Zahnarzt regelmäßig kommt, und sich andererseits selbst um die Reinigung der immer komplizierteren prothetischen Rekonstruktionen kümmern. Oft trauen sie sich da nicht ran. Auch deshalb müssen sie dringend besser aus- und fortgebildet werden, und es muss ein verbindlicher Pflegestandard zur Mundgesundheit in der Pflege entwickelt werden.

Sie sprachen auch von Universitäten. Wo liegt da die Herausforderung?

Nitschke: In Deutschland gibt es noch keine Verpflichtung, das Fach Seniorenzahnmedizin zu lehren. Zum Vergleich: In der Schweiz ist es Teil des für alle Universitäten verpflichtenden Lernzielkatalogs, im zentralen Staatsexamen wird das Fach geprüft. Hier in Deutschland unterrichten nur einige Kollegen an vier Universitäten auf freiwilliger Basis, ohne zusätzliche Ressourcen und aus persönlichem Interesse Seniorenzahnmedizin. In der Berliner Charité und an der Universität Leipzig gehen die Studenten dafür zum Beispiel während ihrer prothetischen Ausbildung ein- bis viermal für jeweils einen halben Tag in eine Senioreneinrichtung. Das ist zwar ein Anfang, reicht aber bei weitem nicht aus, wenn in Deutschland flächendeckend die Menschen mit Pflegebedarf zahnmedizinisch gut versorgt werden sollen. Dabei bringt die Behandlung der älteren Menschen Freude, da es eine Herausforderung ist, die mit Empathie und Wissen bewältigt werden kann. Diese Freude sollte schon den Studenten vermittelt werden, doch in den Universitäten passiert viel zu wenig.

Warum gibt es in Deutschland noch keinen Lehrstuhl für Seniorenzahnmedizin?

Nitschke: Ich vermute, mit zunehmend knapper werdenden Ressourcen wird in den Universitäten genau geschaut, welcher Bereich welche Außenwirkung hat und womit Forschungsgelder leicht eingeworben werden können. Lehrstühle in der Prothetik werden hauptsächlich an Bewerber mit den Fachgebieten digitale Zahnmedizin, ästhetische Zahnmedizin oder orale Implantologie vergeben. Daran hat die Industrie ein Interesse. Forschungen im Bereich von Alterserkrankungen werden von ihr aber nicht unterstützt. Hier müssten öffentliche Forschungsgelder in die Zahnmedizin fließen.

Es ist ähnlich mit anderen Fächern. Es gibt zum Beispiel nur vier Lehrstühle für Kinderzahnmedizin in ganz Deutschland. Pflegebedürftigkeit und Seniorenzahnmedizin sind halt nicht sexy, wahrscheinlich weil niemand sich in diesem Zusammenhang mit Leiden und Sterben beschäftigen und ans eigene Ende erinnert werden möchte. Möglich wäre vielleicht ein Stiftungslehrstuhl. Doch dafür braucht man Geld und Menschen, die diesen stiften. Wenn so ein Lehrstuhl in Deutschland eingerichtet werden sollte … ich würde dies sofort unterstützen.  

Was ist geplant, damit sich die Situation der Pflegekräfte verbessert?

Nitschke: Anfang Dezember 2017 traf sich die DGAZ mit Pflegeexperten und der Bundeszahnärztekammer. Bei unserem Gespräch wurde überlegt wie ein Pflegestandard für die Mundgesundheit zu erstellen sei. Ein weiterer Vorstoß wird sein, die Oralhygiene und Mundgesundheit stärker in den Lehrplänen der Pflege zu verankern, denn aktuell werden die Pflegekräfte meist nicht strukturiert auf ihre Aufgaben im Mundbereich vorbereitet. Zahnärzte bieten manchmal in den Einrichtungen Fortbildungen an, aber es kann nicht uns Zahnärzten aufgelastet werden, dass wir diese Fortbildung übernehmen, da die Ausbildung nicht ausreichend praktisch orientiert ist. Das muss auf Dauer nachhaltig in den Pflegeschulen passieren. Deshalb ist es wichtig, dass – wenn die Pflegeausbildung neu strukturiert wird – die Mundpflege der Senioren als eigenes, nachprüfbares Lernfeld mit aufgenommen wird.

Für Pflegebedürftige soll es Mitte dieses Jahres zusätzliche zahnärztliche Vorsorgemaßnahmen in der GKV geben. Wie realistisch ist es, dass die Senioren zu ihrem Recht kommen?

Nitschke: Grundsätzlich möchte ich dazu sagen, dass die Dinge, die 2018 kommen werden, gut sind für die Seniorenzahnmedizin. Welchen Wert die neuen Leistungen haben werden, wird aktuell ausgehandelt. Sie könnten aber dafür sorgen, dass sich einige Kollegen intensiver mit diesem Gebiet beschäftigen, da die aufsuchende Betreuung bei einer sehr gut strukturierten Vorgehensweise dann kein Hobby mehr sein muss. Es gibt schon gute Ansätze bei einigen Kollegen.

Die zusätzlichen Leistungen sind für Menschen mit Behinderungen und Menschen mit einem Pflegegrad gedacht. Diejenigen, die in Einrichtungen leben, sind davon abhängig, wie dieses Thema dort gehandhabt wird. Es gibt Pflegedienstleitungen, die achten sehr auf die Mundgesundheit, und andere, denen ist es zu anstrengend mit uns Zahnmedizinern. Wir benötigen schließlich die Diagnosen- und Medikamentenlisten und wollen in den Krankenakten sehen, wer Ansprechpartner oder der juristische Betreuer ist. Kollegen erzählen außerdem häufiger, dass eine langjährige gute Zusammenarbeit oft schwierig wird, wenn Pflegedienst- oder Einrichtungsleitung wechseln oder ein Altenheim an eine Kette verkauft wird. Und ein Kooperationsvertrag zwischen Einrichtung und Zahnarzt kann jederzeit von der neuen Leitung gekündigt werden.

Nur ein Drittel der Pflegebedürftigen ist in Pflegeinrichtungen untergebracht. Was hat das für Auswirkungen?

Nitschke: Es ist sehr schwierig, die pflegebedürftigen ambulanten Patienten zahnmedizinisch zu betreuen. Das gilt besonders für Menschen, die keine Angehörigen haben, die für sie die Organisation wie die Terminvereinbarung oder die Fahrt zur Praxis übernehmen. Einige ambulante Pflegebedürftige mit geringer Pflegenotwendigkeit können mit Unterstützung die Praxis aufsuchen. Bei einem Teil der anderen könnte meines Erachtens eine Koppelung an die ambulante Pflege hilfreich sein. Ein regelmäßiges Screening in der Wohnung des Pflegebedürftigen, vielleicht mithilfe der Krankenkassen initiiert, könnte so organisiert werden. Dies setzt aber auch eine Honorierung für die Pflegekräfte voraus, die hier in der Organisation und der Kontaktpflege benötigt werden.

Die DGAZ hat an mehreren Gesetzesnovellen mitgearbeitet. Was sind die größten Erfolge?

Nitschke: Als Erfolg sehe ich, dass die beiden zahnmedizinischen Körperschaften KZBV und BZÄK sowie die beiden wissenschaftlichen Gesellschaften AG ZMB und DGAZ zusammen an einem Strang gezogen haben beziehungsweise immer noch ziehen. Es hat sich schrittweise vieles entwickelt. Sehr positiv war die Ermöglichung der Kooperationsverträge, aber auch bei den zusätzlichen zahnärztlichen Vorsorgemaßnahmen, die es bald geben wird, wurden wir vom Gesetzgeber gehört. Gut ist ebenfalls, dass durch unser stetes Engagement das Thema immer wieder in der Zahnärzteschaft, der Pflege und in der Politik wahrgenommen wird.

Wo sehen Sie noch dringenden Handlungsbedarf?

Nitschke: In der Fortbildung unserer ZFA und DH muss noch mehr getan werden. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn die Seniorenzahnmedizin bei ihnen bereits während der Ausbildung einen höheren Stellenwert bekäme. Eigentlich müsste Inhalt der Ausbildung sein, wie bei einigen Zahnmedizinstudenten, in einer Senioreneinrichtung zu hospitieren. Im Gegenzug sollten die Auszubildenden der Pflege auch einmal in einer zahnärztlichen Praxis hospitieren beziehungsweise Konsilzahnärzte gezielt begleiten.

Was empfehlen Sie Kollegen, die sich für die Seniorenzahnmedizin interessieren?

Nitschke: Sie sollten in die DGAZ eintreten, um Kontakte zu anderen Seniorenzahnmedizinern zu finden, die die anfänglich auftretenden Probleme schon gelöst haben. Mit erfahrenen Kollegen einmal mit in die Einrichtungen zu gehen, kann sensibilisieren. Dann sollten sie sich eine Einrichtung aussuchen, die zu ihnen passt und gut erreichbar ist. Die Zusammenarbeit ist – gerade bei Patienten mit Demenz – sehr fordernd, aber auch sehr erfüllend. Die Mitarbeiter, die einen begleiten, darf man natürlich auch nicht vergessen. Sie sollten Freude an der Aufgabe haben und für die Betreuung der Senioren in der Praxis gut im Fach Seniorenzahnmedizin fortgebildet sein. Seniorenzahnmedizin ist Teamaufgabe. Durch geschulte Mitarbeiter kann es viel Entlastung geben.

Was begeistert Sie – ganz persönlich – an der Seniorenzahnmedizin?

Nitschke: Ganz ehrlich: Mich begeistert, dass die älteren Leute sehr dankbar sind, oft auch sehr ehrlich und vor allem wertschätzend. Senioren sind tolle Patienten. Sie sind zuverlässig, meckern nicht so viel, bezahlen meistens zügig ihre Rechnungen und bedanken sich nach der Behandlung, statt immer noch mehr zu fordern. Sie haben auch oft interessante Lebensverläufe. Mich macht das zufrieden, und ich sehe bestimmte Dinge durch den Umgang mit älteren Patienten gelassener. Das Alter ist aber definitiv nichts für Feiglinge, denn wer in das Thema einsteigt, muss sich zwangsläufig damit beschäftigen, was einem selbst wichtig ist im Leben. Auch dass das Leben ein Ende hat. Und noch etwas: Wir Zahnärzte haben für unser Studium nichts bezahlt. Deshalb finde ich, dass wir der Gesellschaft doch auch etwas zurückgeben können, indem wir uns um unsere Senioren kümmern, wann, wo und wie auch immer.