Patienten mit Beeinträchtigungen

Reportage

„Wenn ich mit sowas nicht umgehen kann...“

In dem Kofferturm, der mit Rollen versehen ist, sind alle Materialien verstaut, die Dr. Michael Weiss und sein Team für die aufsuchende Betreuung benötigen.
DZW / Tanja Peschel

In dem Kofferturm, der mit Rollen versehen ist, sind alle Materialien verstaut, die Dr. Michael Weiss und sein Team für die aufsuchende Betreuung benötigen.

Auf dem langen Flur kommt uns eine Seniorin mit Rollator entgegen. Sie scheint sich in Zeitlupe zu bewegen, hebt nur kurz den Blick, als Dr. Michael Weiss mit seinen Mitarbeiterinnen Jasmin Kellermann und Kelly Ginter an ihr vorbeigeht. Vor einer Tür, die von einem schwarzen Altherrenschuh mit maßgefertigter Einlage offengehalten wird, bleibt er stehen. Der Essener Zahnarzt schaut kurz aufs Namensschild, das an der sonnengelb gestrichenen Wand angeschraubt ist, und sagt: „Hier sind wir richtig.“

Der Mann im Ohrensessel ist heute bereits der achte Patient, den Dr. Weiss auf seiner Vormittagstour durch drei Heime behandeln wird. Im Hintergrund läuft der Fernseher. Der ältere Herr scheint durch Dr. Weiss hindurchzuschauen. Der Zahnarzt spricht lauter. Erst jetzt reagiert sein Patient. „Wir haben heute Ihre unteren Zähne mitgebracht. Die könnten Sie mal anprobieren“, erklärt Dr. Weiss mit lauter Stimme. Doch der alte Mann will nicht. „Nein. Nein. Nein“, sagt er. „Mit den neuen Zähnen schmeckt das Essen besser“, sagt Dr. Weiss. Beruhigend legt er seine Hand auf die Schulter des Mannes. Der schaut den Zahnarzt zweifelnd an. Fast so, als überlege er, ob es Sinn macht, was er gerade gehört hat. Es vergehen einige Sekunden. Dann öffnet der Senior langsam seinen Mund, nimmt die Teilprothese aus der Hand von Jasmin Kellermann und setzt sie ein.

Dr. Weiss zieht eine Stirnlampe an. Dann holt er ein Paar Handschuhe und einen Mundschutz aus einem Fach seines mit Rollen versehenen Kofferturms. In den Behältern, die sich einzeln per Klicksystem verbinden lassen, sind alle Materialien für die Patienten untergebracht, die auf einer Tour aufgesucht werden – plus ein paar weitere, falls ein unvorhergesehener Eingriff notwendig sein sollte.

Bei der aufsuchenden Betreuung ist kein Tag wie der andere. Die älteren Menschen bei kurzen Wegen zu unterstützen, gehört auch dazu.
DZW / Tanja Peschel

Bei der aufsuchenden Betreuung ist kein Tag wie der andere. Die älteren Menschen bei kurzen Wegen zu unterstützen, gehört auch dazu.

Seine Mitarbeiterinnen und er sind ein eingespieltes Team, das merkt man sofort. Jeder Handgriff sitzt, jeder weiß, was seine Aufgabe ist. Anweisungen muss der Chef kaum geben. Während Jasmin Kellermann mit einer kleinen blauen Gummischüssel im Badezimmer verschwindet, um Wasser zum Anrühren der Abformmasse zu holen, legt Kelly Ginter alle nötigten Instrumente bereit. Ihr Chef setzt dem alten Mann Kopfhörer auf und dreht an einem Regler des Hörverstärkers, der optisch einem klassischen schwarzen Walkman ähnelt. „Können Sie mich jetzt besser hören?“ Der Patient nickt und antwortet: „Jaja.“ Dr. Weiss seufzt. Später verrät er: „Wenn die Leute mit jaja antworten, heißt es nicht unbedingt, dass sie mich verstanden haben.“ Er dreht nochmal am Regler. Und scheint die für den Patienten richtige Einstellung gefunden zu haben. Denn der antwortet auf einmal in einer deutlich gemäßigteren Lautstärke.

Im Team von Dr. Weiss sitzt jeder Handgriff. In diesem Fall das Anrühren der Abformmasse.
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Im Team von Dr. Weiss sitzt jeder Handgriff. In diesem Fall das Anrühren der Abformmasse.

Bei der Untersuchung stellt Dr. Weiss fest, dass ein Zahn im Oberkiefer gebrochen ist. „Der muss raus“, sagt er und fragt Kelly Ginter nach der Einverständniserklärung für chirurgische Leistungen. Sie nickt. Er setzt die Spritze und wartet kurz. „Sie werden einen kleinen Druck merken, aber es wird nicht weh tun“, versichert er. Noch weiß Dr. Weiss zu diesem Zeitpunkt nicht, dass der defekte Zahn sehr fest mit dem Knochen verwachsen ist. Der Eingriff ist umfangreicher als gedacht, und es dauert eine Weile, bis er den Zahn in der bereitgestellten Nierenschale ablegen kann. „Er muss umspülen“, sagt der Zahnarzt zu seiner Mitarbeiterin, die schnell einen roten Plastikbecher holt. Sie greift zu einer Wasserflasche auf dem Beistelltisch, merkt dann aber, dass das Wasser darin mit Kohlensäure versetzt ist. „Das schäumt mit dem Blut, das geht nicht“, erklärt Dr. Weiss. Schnell eilt Jasmin Kellermann ins Bad und holt frisches Leitungswasser. Der Mann nimmt einen großen Schluck. Statt umzuspülen und die Flüssigkeit in die Nierenschale, die Kelly Ginter ihm vor die Brust hält, zu spucken, schluckt der Senior alles runter. „Nicht schlucken. Spucken“, sagt Dr. Weiss und reicht ihm erneut den Becher. Der Mann nimmt einen weiteren Schluck. Und spuckt. Aber nicht in die Schale, sondern vor sich, auf den Boden. Die Spritzer verteilen sich vor seinen Füßen. Schnell greifen die Mitarbeiterinnen nach Papierhandtüchern und wischen die Pfütze weg.

Damit die schwerhörigen Patienten besser mit ihm kommunizieren können, hat Dr. Michael Weiss einen Hörverstärker dabei. Optisch ähnelt er einem klassischen Walkman mit Kopfhörern.
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Damit die schwerhörigen Patienten besser mit ihm kommunizieren können, hat Dr. Michael Weiss einen Hörverstärker dabei. Optisch ähnelt er einem klassischen Walkman mit Kopfhörern. Ebenfalls im Einsatz: ein abwischbares Brett zur Stabilisierung des Nackens.

Danach prüfen sie kurz ihre Kleidung. Zum Outfit des Teams gehören schneeweiße Hosen und knallrote Shirts, auf denen in weißer Schrift der Name der Praxis und „Gesund beginnt im Mund“ eingestickt ist. Es scheint alles gutgegangen zu sein. Kein Fleck ist zu sehen. Aber selbst wenn, wäre das nicht dramatisch. Solche Vorfälle gehören zum Alltag. „Ich bin auch schon öfters trotz Aufbissblocks gebissen worden“, verrät Kelly Ginter. Ob sie das schlimm findet? Sie schüttelt den Kopf. „Damit muss ich immer rechnen. Klar hatte ich am Anfang meine Probleme mit den älteren Menschen und ihren Eigenheiten. Aber ich bin jetzt seit fünf Jahren mit vier Kolleginnen mobil unterwegs und möchte nicht mit denen, die nur vor Ort in der Praxis arbeiten, tauschen. Mein Job ist super abwechslungsreich. Es wird nie langweilig. Und es ist eine echte Herausforderung, denn ich muss jede Kleinigkeit organisatorisch im Blick haben“, erzählt sie, während sie das Material säubert und wieder verpackt.

An diesem Vormittag hat Dr. Weiss mehrere Druckstellen entfernt, umgebaute oder neue Prothesen angepasst und einige Extraktionen durchgeführt. Seine Mitarbeiterinnen haben prophylaktisch gearbeitet, assistiert und zahlreiche Abformungen genommen. „Vor den Abformungen wird das Gesicht um den Mund herum eingecremt, damit die Alginat- oder Silikonreste schnell und schmerzfrei entfernt werden können. Es ist wichtig, dass wir den Patienten und sein Zimmer immer sauber verlassen“, ergänzt Jasmin Kellermann.

Kleinere Anpassungen der Prothese kann Dr. Weiss auch vor Ort umsetzen. Um umfassendere Dinge kümmert sich das Zahntechnik-Team in der Praxis.
DZW / Tanja Peschel

Kleinere Anpassungen der Prothese kann Dr. Weiss auch vor Ort umsetzen. Um umfassendere Dinge kümmert sich das Zahntechnik-Team in der Praxis.

Als Dr. Weiss vor rund zehn Jahren mit der aufsuchenden Betreuung begann, lief es anfangs nicht so gut. „Ich wusste nicht, wie man die Heime erfolgreich ansprechen kann oder was bei der Dokumentation anders läuft als in der Praxis. Auch mit der mobilen Einheit, die ich gekauft hatte, gab es Probleme. Sie war zu schwer, zu laut und total unpraktisch. Deshalb habe ich einen eigenen Prototyp entworfen, der wenig wiegt und leistungsstark ist.“ Von einer ausländischen Dentalmesse hat er ein abwischbares, gepolstertes Brett mit Kopfstütze besorgt, das er den Patienten hinter den Rücken schiebt, um den Kopf bei der Behandlung zu stabilisieren. Und die Dokumentation hat er so vereinfacht, dass auch ein Fremder sie versteht. „Ein Durchschlag bleibt hier. Dann weiß auch die Pflege nach Schichtwechsel Bescheid, was wir gemacht haben, oder dass wir etwa eine Prothese mitgenommen haben. Denn die dementen Patienten vergessen das, und dann beginnt die große Sucherei.“

Als der letzte Patient versorgt ist, schiebt Dr. Weiss den Kofferturm wieder zum Parkplatz. Er hat Glück gehabt: Diesmal gab es kein Knöllchen. „Mit unserem Material kann ich nicht zu weit weg vom Eingang parken. Schade, dass es nicht bei jedem Heim einen Arztparkplatz gibt. Oder W-LAN. Dann hätte ich aus der Ferne Zugriff auf die Patientenakten. Gerade in den Betonbauten ist es mit dem 4G-Empfang oft schwierig.“ Auf der Rückfahrt zur Praxis spricht das Team über die Behandlungen und die Patienten. Die aufsuchende Betreuung ist körperlich anstrengend, hat aber auch viele positive Seiten. Sie macht gelassener im eigenen Alltag. Denn die Konfrontation mit dem Tod gehört in diesem Job ebenfalls dazu. „Wir haben hin und wieder Prothesen, die wir nicht mehr einsetzen können, weil die Patienten verstorben sind. Aber ehrlich gesagt: Wenn ich mit sowas nicht umgehen kann, darf ich kein Arzt werden.“


Dieser Artikel ist Teil unseres Schwerpunktes "Patienten mit Beeinträchtigungen".

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