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Künstliche Intelligenz

Rhetorik-Trainer gegen Lampenfieber

Ein virtueller Trainer gegen verschwitzte Hände und ausgetrockneten Mund soll noch 2019 auf den Markt kommen.
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Ein virtueller Trainer gegen verschwitzte Hände und ausgetrockneten Mund soll noch 2019 auf den Markt kommen.

 

Frei vor anderen zu sprechen, fällt vielen Menschen schwer. Doch Vorträge und Gespräche zu üben, ist ohne professionelles Feedback mühsam. Ein Psychologe, ein Betriebswirt und ein Informatiker haben deshalb einen Online-Trainer entwickelt, der mit künstlicher Intelligenz die Rhetorik und persönliche Merkmale der Nutzer beurteilen kann. Nun hat das Team an der Technischen Universität München (TUM) das Start-up Retorio gegründet, um die Software noch 2019 auf den Markt zu bringen.

Ob beim Bewerbungsgespräch oder der Hochzeitsrede: Wer vor anderen sprechen muss, ist oftmals nervös und unsicher, wie das eigene Auftreten wirkt. Auch eine Vorbereitung hilft nicht immer, wenn ein Feedback fehlt. So ging es auch Patrick Oehler: „Als Doktorand musste ich oft Vorträge halten und hatte anfangs Lampenfieber“, sagt der Betriebswirt, der bis vor Kurzem am Lehrstuhl für Strategie und Organisation der TUM gearbeitet hat.

Gemeinsam mit Christoph Hohenberger, der als Psychologe am selben Lehrstuhl promovierte, und dem Informatiker Abdurrahman Namli fasste er deshalb den Entschluss, mit ihrem Wissen aus Forschung und Lehre eine praktische Lösung zu finden. Sie entwickelten einen Online-Kommunikationstrainer – und wurden zu Gründern des Start-ups Retorio.

Algorithmus aus 10.000 Videos gespeist

Während das Programm die Nutzer filmt, analysiert eine künstliche Intelligenz ihre Stimme, Sprache, Mimik und Gestik. Sie liefert in Echtzeit Feedback und weist beispielsweise darauf hin, dass die Sprechgeschwindigkeit zu schnell ist. Anschließend erläutert sie ausführlich, was überzeugend wirkte und welche Aspekte der Rhetorik verbessert werden könnten. Außerdem erstellt sie ein umfangreiches Persönlichkeitsprofil, das unter anderem Empfehlungen für verschiedene Berufsgruppen gibt.

Damit das funktioniert, musste der Algorithmus zunächst mit Daten gefüttert werden. „Maschinen können bereits Stimme, Mimik und Gestik analysieren“, sagt der Informatiker Namli. „Wir müssen ihnen aber beibringen, wie andere Menschen darauf reagieren und ob diese den Vortrag als authentisch empfinden.“ Dazu hat das Retorio-Team eine Datenbank mit 10.000 Videos aus verschiedenen Forschungsprojekten aufgebaut, in denen Personen aus unterschiedlichen Kulturkreisen in verschiedenen Situationen über eine große Bandbreite an Themen sprechen. Versuchspersonen schauten sich die Videos an und beantworteten Fragen wie „Würden Sie mit dieser Person gern zusammenarbeiten?“ oder „Würden Sie dieser Person vertrauen?“. Aus diesen Informationen leitet der Algorithmus Muster ab.

„Die künstliche Intelligenz ist brutal ehrlich“

Die Nutzer des virtuellen Kommunikationstrainers können zum einen am eigenen Computer üben, wann und wo sie wollen. Zum anderen können sie sich spezifisch auf bestimmte Situationen vorbereiten – von der Präsentation in der Firma bis zum ersten Date. Intensiv mit dem Programm arbeiten können Profis, für deren Beruf erfolgreiche Kommunikation entscheidend ist, beispielsweise im Vertrieb. Die Gründer sehen darüber hinaus Personalabteilungen als potenzielle Kunden. Ein großer deutscher Luftfahrtkonzern setze die Technologie bereits ein, um Talente in Bewerbungsprozessen frühzeitig zu erkennen. „Die Künstliche Intelligenz ist brutal ehrlich“, resümiert Oehler. „Aber mit ihr zu üben, fällt vielleicht leichter als mit Menschen, die zuschauen.“

 

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