Oralmedizin kompakt

Interdentalreinigung

Sehr wichtig für die Zahngesundheit

Interdentalpflege
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Weniger Zahnverluste und geringere Kariesrate: Interdentalreinigung erhält Zähne und parodontale Gesundheit

 

Effektive Mundhygiene reduziert die Menge des Biofilms und fördert dessen gesunde Zusammensetzung [1]. Das gilt auch subgingival, sodass nach einer Parodontitis-Behandlung pathogene Keime die Taschen nicht erneut besiedeln können [2]. Da die Ergebnisse nachweislich besser sind, sollten Patienten auch interdental reinigen [3]. Der Lohn sind nach einer aktuellen, groß angelegten Studie weniger Zahnverluste und eine geringere Kariesrate [4].

Auch das Parodontitisrisiko sinkt, besonders bei Interdentalreinigung an vier bis sieben Tagen pro Woche und in der Erhaltungsphase nach schwerer Parodontitis [4]. Übereinstimmend ergab eine epidemiologische Studie aus Korea, dass die Anwendung von Interdentalbürsten das Parodontitisrisiko auch bei einkommensschwachen Patienten senkt [5]. Damit werden – offenbar allein durch diese Maßnahme – andere, sozial bedingte Risikofaktoren ausgeglichen.


Für eilige Leser

  • Wer parodontal gesund bleiben möchte, sollte die Interdentalräume täglich reinigen.
  • Empfehlenswert sind vor allem Bürsten.
  • Maschinelle Systeme haben Potenzial, sind aber mäßig dokumentiert.
  • Auch Zahnseide funktioniert, je nach Situation und bei ausreichender Geschicklichkeit.
  • Interdentalreinigung vor dem Zähneputzen ist offenbar effektiver als die umgekehrte Reihenfolge.
  • Welche bewährten Produkte zugleich umweltfreundlich sind, ist eine Überlegung wert.

Hilfsmittel und Methoden

Zwischenräume zu reinigen ist im posterioren Bereich am schwierigsten, sodass die angrenzenden Zähne und Gewebe ein erhöhtes Erkrankungsrisiko aufweisen [6]. Nach den Empfehlungen der European Federation of Periodontology (EFP) sind Interdentalbürsten das Mittel der Wahl wegen ihrer relativ einfachen Handhabung bei guter Wirksamkeit [7]. Eine aktuelle Übersicht zeigt aber auch für Zahnseide und maschinelle Systeme zum Teil gute Ergebnisse [8].

Häusliches „Fädeln“ reduziert zwar – im Durchschnitt der untersuchten Patienten – kaum die Plaque-Menge und auch nicht die gingivale Entzündung [7]. Das gilt sogar bei jungen Patienten, bei denen Interdentalbürsten ebenfalls wirksamer zu sein scheinen [9]. Dennoch ist bei hohen Papillen, bei denen Interdentalbürsten nur traumatisch gar nicht anwendbar sind, weiterhin Zahnseide angezeigt [10]. Das gilt aus unmittelbar praktischen Gründen auch bei Engstand, der keine Bürstenanwendung erlaubt.

Bürsten nicht zu klein wählen

Bürsten sollten den Interdentalraum „satt“ ausfüllen, dadurch auch orale Flächen erfassen und zugleich leicht subgingival vordringen [11]. Sondierungsblutungen werden damit effektiv reduziert, was bei Bürsten mit zu kleinem Durchmesser offenbar nicht der Fall ist [12]. Vorteile scheinen zudem taillierte gegenüber zylindrischen Bürsten zu haben [13]. Auch zwischen Implantaten sind Interdentalbürsten Mittel der Wahl [8].

Sind posteriore Interdentalräume mit Bürsten schlecht erreichbar, funktioniert nach persönlicher Erfahrung des Autors Zahnseide besser. Als Alternative zu konventionellen Bürsten, bei empfindlichen Zahnoberflächen oder als Lösung für Übergangszeiten mit noch relativ hoher Papille können auch Kunststoff-Sticks verwendet werden. Diese sind in großer Auswahl von niedrigpreisigen Produkten aus dem Drogeriemarkt (cave: zum Teil Verletzungsgefahr) bis zu höherwertigen, klinisch getesteten erhältlich [14].

Maschinelle Optionen

Eine Reihe von Studien zeigt, dass „Wasser-Fädler“ von Waterpik Plaque und Entzündung effektiv reduzieren [15]. Die zunächst als „Mundduschen“ eingeführten Geräte arbeiten mit einem pulsierenden Wasserstrahl und erreichen neben den supra- auch subgingivale Oberflächen [16]. Die Methode wurde bereits im Jahr 2001 von der American Academy of Periodontology für wirksam und sicher befunden.

Ein seit etwa 2011 verfügbares Produkt von Philips arbeitet mit beschleunigten Mikrotröpfchen und wurde speziell für Interdentalräume entwickelt. Airfloss reduziert in Kombination mit Zahnbürsten ebenfalls gingivale Entzündungen und erwies sich dabei als ähnlich effektiv wie Zahnseide [17, 18]. Untersuchungen zu beiden genannten Reinigungsgeräten wurden meist im Herstellerauftrag durchgeführt und haben daher ein entsprechendes Verzerrungsrisiko [8].

Hoch entwickelte Schallzahnbürsten (Sonicare) in Kombination mit Airfloss reinigen wirksamer als manuelle Hilfsmittel [19]. Die nicht ganz billige Option könnte besonders für Patienten mit festsitzenden orthodontischen Apparaturen hilfreich sein [20]. Seit Kurzem ist von Waterpik eine Schallzahnbürste mit integriertem Wasserstrahl für interdentale Reinigung verfügbar, die ebenfalls für diese Patientengruppe empfohlen wird.

Fazit

Unabhängig von den Hilfsmitteln werden gute Ergebnisse nur bei regelmäßiger, korrekter und sorgfältiger Anwendung erreicht [21]. Empfehlenswert scheint zu sein, zuerst interdental zu reinigen [22]. Damit die Instruktion und Motivation der Patienten erfolgreich ist, müssen Prophylaxe-Fachkräfte gut ausgebildet sein.


Hinweis

Beiträge in der Rubrik ZahnMedizin kompakt können in keinem Fall die klinische Einschätzung des Lesers ersetzen. Sie sind keine Behandlungsempfehlung, sondern sollen – auf der Basis aktueller Literatur – die eigenverantwortliche Entscheidungsfindung unterstützen.


Literatur

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  • Mazhari F. et al. J Periodontol 2018. 89(7):824-832.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).

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