Präventionsforum der Haranni-Academie

Systemische Patienten parodontal gesund erhalten

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Etwa jeder zehnte erwachsene Patient hat laut Prof. Dr. James Deschner (Universität Mainz) einen erworbenen Diabetes (Typ 2), aber nur jeder zweite weiß von seiner Erkrankung.

Beim 5. Präventions-Forum für das gesamte Praxisteam der Haranni-Academie in Herne gab Prof. Dr. James Deschner praktische Tipps zum Patientenmanagement und stellte Hintergründe vor.

„Bei Diabetes hat der Fahrstuhl keinen Strom: Weil Insulin fehlt, funktioniert der Glukose-Transporter nicht, und der Zucker gelangt nicht vom Blut in die Zelle.“ Etwa jeder zehnte erwachsene Patient hat laut Prof. Dr. James Deschner (Universität Mainz) einen erworbenen Diabetes (Typ 2), aber nur jeder zweite kennt seine Erkrankung. Bei schlecht eingestelltem Diabetes ist das Parodontitisrisiko höher, Behandlungen haben deutlich schlechtere Erfolgsaussichten. Patienten sollten daher zur Sicherheit in der Praxis befragt (zum Beispiel mit dem FindRisk-Fragebogen) oder getestet werden – aus kollegialen Gründen laut Deschner am besten beim Hausarzt.

Parodontitis lässt sich zudem durch einen stabil eingestellten Diabetes besser vermeiden. Ein HbA1c-Blutwert von maximal 7 wirkt also auch präventiv: Die Zusammensetzung der subgingivalen Flora und das Erkrankungsrisiko für Parodontitis sind dann ähnlich wie bei Patienten ohne Diabetes. Eine nicht behandelte Parodontitis beeinträchtigt dagegen die Insulinempfindlichkeit (Fahrstuhl gestört). Sie erhöht dadurch den Blutglukosespiegel, und der Diabetes kann sich ungünstig entwickeln. Parodontitistherapie ist also wichtiger Bestandteil der Diabetesbehandlung – und umgekehrt [1].


Wichtig zu merken – HbA1c-Wert
Der HbA1c-Wert bezieht sich auf einen Anteil des Bluteiweißes Hämoglobin, der mit Glukose gesättigt ist. Er sollte zwischen 6,5 und 7,5 betragen und gibt Auskunft über die Blutglukoseeinstellung der vorigen zwei bis drei Monate.


Parodontitisbehandlung verbessert Blutzucker

Deschner betont, dass eine Parodontitistherapie wie ein Medikament wirkt: Der HbA1c-Wert sinkt um durchschnittlich 0,4 Prozent, Grenzwert für die Zulassung von Diabetesmedikamenten. Allerdings funktioniert dies wiederum nur bei gut eingestellten Patienten. Dazu trägt auch bei, dass eine Parodontitisbehandlung das Immunsystem normalisiert [2]: Die Zahl von Abwehrzellen und Botenstoffen nimmt ab, und die überschießende Entzündung wird gebremst. Dies verhindert wiederum bei den meisten Patienten, dass parodontales Gewebe zerstört wird.

Deschner bringt für diese Vorgänge einen anschaulichen Vergleich: Wenn die Schlacht gegen die aggressiven Bakterien im gingivalen Sulkus nicht gewonnen wird, dringen diese in das Weichgewebe ein („in das eigene Land“). Der Abwehrkampf geht dort weiter – zum Schaden des Parodonts.
Die wechselseitige Beziehung zwischen Parodontitis und Diabetes liegt auch daran, dass die zahlreichen und sehr fein verzweigten gingivalen Blutgefäße mit dem Blutkreislauf in Verbindung stehen und die Entzündung somit im ganzen Körper streuen können.


Praxis-Tipp:
Diabetespatienten reinigen seltener ihre Interdentalräume und sollten für diese wichtige Maßnahme verstärkt motiviert werden [3, 4].


Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht

Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, also zunächst Bluthochdruck und die Verengung peripherer Blutgefäße, sind eng mit Parodontitis verbunden. Bei beiden spielen wiederum Entzündungsfaktoren eine Rolle, die im Körper zu verdickten Gefäßwänden führen können. Diese Vorgänge werden durch eine Parodontitisbehandlung ebenfalls günstig beeinflusst, und sogar die Dicke der Gefäßwände nimmt nachweislich ab. Weitere Zusammenhänge nennt Deschner bei Übergewicht, auch hier ist die Entzündung der gemeinsame Faktor.

Airflow effektiv wie Ultraschall

Abschließend verrät Deschner, welche Methoden die Mainzer Klinik beim subgingivalen Biofilmmanagement bevorzugt. Nach seiner Erfahrung bewirken schonende Methoden wie Airflow weniger Rezessionen als Ultraschall oder Handinstrumente. Dies zeigt er eindrucksvoll an einem mittleren Oberkieferfrontzahn bei einer Opernsängerin. Für sie spielt die Ästhetik eine besondere Rolle, und es gelingt Deschners Team, die Situation zu stabilisieren. Maschinelle Verfahren einschließlich Ultraschall sparen Zeit, und Airflow ist laut Deschner in der parodontalen Nachsorge ebenso erfolgreich wie konventionelle Methoden [5, 6]. Entscheidend sei aber eine gute Systematik.

Dr. Jan H. Koch, Freising

Literaturverzeichnis

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