Schmerzmanagement

Tränen müssen nicht sein – Angst und Schmerz bei Kindern

Manche Zahnmediziner tendieren dazu, das Niveau an Angst und Schmerz ihrer jungen Patien­ten zu unterschätzen.
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In der Ethik-Charta der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS) von 2007 heißt es: „Bei schmerzhaften (diagnostischen) Eingriffen, in der postoperativen Schmerztherapie (…) muss eine adäquate analgetische Versorgung, die die pharmakologischen Besonderheiten bei Kindern berücksichtigt, gewährleistet sein.“ In vielen Praxen sieht die Realität derzeit noch anders aus – nicht immer sind sich Zahnärzte sicher, wie sie bei Kindern und Jugendlichen mit dem Themenkomplex Angst/Schmerz umgehen sollen.

Warum Schmerz­management?

Manche Zahnmediziner tendieren dazu, das Niveau an Angst und Schmerz ihrer jungen Patien­ten zu unterschätzen und vernach­lässigen dann das Schmerzmanagement. Dies kann erhebliche Folgen haben: Bei sehr jungen Kindern können wiederholte Schmerz­erlebnisse zu einer Verminderung der Schmerzschwelle führen, was wiederum ihren Schmerzmittelbedarf erhöhen kann. Außerdem mehren sich die Hinweise, dass es bei unterlassener post­operativer Schmerztherapie oft zu Komplikationen und Wundheilungsstörungen kommt. Und es ist inzwischen hinreichend bekannt, dass schmerzhafte Erfahrungen beim Zahnarzt in der Kindheit entscheidend zur Entstehung einer Zahnbehandlungsphobie beitragen.

Dabei sollten Zahnärzte wissen, dass Kinder während ihrer Entwicklung verschiedene Phasen durchlaufen, in denen sie Schmer­zen sehr unterschiedlich konzep­tualisieren: Kleinstkinder bis zu zwei Jahren merken sich schmerzhafte Sensationen, können diese aber naturgemäß noch nicht adäquat ausdrücken. Schlech­te Erfahrungen in diesem Alter sind sehr prägend. Kinder ab dem ersten ‚Zahnarztalter‘ von drei bis sechs Jahren können ‚Druck‘ und ‚Schmerz‘ noch nicht unterscheiden und glauben, dass Schmerzen eine Strafe für etwas sind. Dieses Missverständnis setzt sich vielfach auch bei den Sieben- bis Elfjährigen fort, die allerdings schon sachliche Erklärungen verlangen und verstehen können. Kinder ab elf Jahren verstehen Schmerzen differenzierter und begreifen beispielsweise, dass die Lokalanästhesie zwar schmerzt, aber ihnen später hilft. Beim Schmerz­management kommt der verstärkende Aspekt der Angst erschwerend hinzu. Angst hat multifaktorielle Ursachen. Dazu gehört bei Kindern unter anderem die negative Konditionierung durch eigene schlechte Erfahrungen beim Zahnarzt, wobei durch fehlerhafte beziehungsweise fehlende Information Ängste auch erst geschürt werden können. In einer qualitativen Studie, bei der YouTube-Videos gesichtet wurden, in denen Jugendliche über ihre Gefühle und Erfahrungen beim Zahnarzt berichteten, wird zum Beispiel ein Mädchen zitiert: „Ich habe immer noch Angst, meine Zahnspange zu bekommen (…) Und wenn sie Löcher in meine Zähne bohren?“ Auch das Verhalten beziehungsweise die Erzählungen von Eltern und/oder Gleichaltrigen tragen zur Entstehung von Ängsten bei, wobei der Einfluss der ‚peer group‘ ansteigt, je älter das Kind wird.

Unprofessionelles Verhalten des Zahnarztes oder seines Teams wirkt sich auch negativ auf die Ängste von Kindern und Jugendlichen aus. Dazu gehören zum Beispiel Ungeduld, fehlender Respekt oder Unpünktlichkeit: „Ich habe gewartet und gewartet und gewartet (…) Endlich haben sie mich aufgerufen und ich durfte im Todes-Stuhl Platz nehmen“ – so beschreibt ein Jugendlicher drastisch seine Erfahrungen vor der Zahnbehandlung. Neben Gefühlen von Unsicherheit, Hilflosigkeit und Angst beziehungsweise Panik kann sich in solch einem Kontext rasch Groll oder sogar Hass gegenüber dem Zahnarzt aufbauen. Die entstehende psychisch bedingte Spannung wirkt sich später negativ auf das Schmerzempfinden aus.

Nachmittags behandeln

Effektives Angst- und Schmerz­management beginnt bereits vor der Behandlung, bei der richtigen Wahl eines Termins. Denn das physiologische Schmerzemp­finden schwankt im Tagesverlauf – nachmittags empfinden Kinder Schmerzen geringer als morgens oder nachts. Dazu kommt, dass Anästhetika mittags bis zu dreimal länger als am Vormittag wirken. Soweit möglich sollten schmerz­hafte oder länger andauernde Eingriffe deshalb in die Nachmittags-Sprechstunde gelegt werden.

Ob bei alltäglichen Prozeduren wie Kariesbehandlungen und Zahn­extraktionen, oder bei Munderkrankungen wie entzündlichen Gingivaveränderungen, Candida-Infektionen, rezidivierenden Aphten oder Gingivostomatitis herpetica – jede Behandlung kann für das Kind potenziell schmerzhaft sein. Wie das obige Bespiel des Jugendlichen verdeutlicht, können zeitliche Verzögerungen des Behandlungsbeginns der Entstehung beziehungsweise Vertiefung von Ängsten Vorschub leisten. Versuchen Sie deshalb, soweit wie möglich Termine mit Kindern pünktlich einzuhalten. Entwickeln Sie gemeinsam mit Ihrem Team Strategien, um kurze Verzögerungen überbrücken zu können (zum Beispiel, indem ein Team-Mitglied sich mit dem Kind während der Wartezeit beschäftigt) beziehungsweise verschieben Sie notfalls den Termin.

Lachgas erweitert das Angst- und Schmerz­management

Während der Zahnbehandlung sollte eine Schmerztherapie erfolgen, die jeweils an den Patienten und die individuelle Situation angepasst ist. Neben der Lokal­an­äs­thesie gibt es inzwischen weite­re Möglichkeiten, Eingriffe angst- und schmerzarm zu gestalten. Immer mehr Zahnärzte setzen zum Beispiel die Lachgassedierung ein – eine wirksame, kosteneffektive und sehr sichere Methode der Angstlinderung. Kinder atmen dabei das Gas über eine Nasenmas­ke ein und nehmen die Behandlung wie in weiter Ferne wahr. Nach der Behandlung ist das Lachgas innerhalb kürzester Zeit wieder aus dem Körper verschwunden.