Politik

IDS 2019 – KZVWL

„Weg vom Individualisten – hin zum Netzwerker“

Dr. Holger Seib, Vorstandsvorsitzender der KZVWL, am Rande der IDS 2019 im Interview mit Dr. Helge David
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Dr. Holger Seib, Vorstandsvorsitzender der KZVWL, am Rande der IDS 2019 im Interview mit Dr. Helge David

dzw-Interview mit Dr. Holger Seib, Vorstandsvorsitzender der KZV Westfalen-Lippe, die Fragen stellte Dr. Helge David auf der IDS 2019

Herr Dr. Seib, welche Highlights haben Sie auf der IDS 2019 ausgemacht?

Dr. Holger Seib: Ein Highlight ist natürlich die immer weiter fortschreitende Digitalisierung. Sie erfasst alle Bereiche – die Verwaltung, die Telematikinfrastruktur und vor allem die digitalen Prozesse in der Zahnarztpraxis selbst. CAD/CAM, CAD/CAM-Equipment, digitales Röntgen und andere bildgebende Verfahren – die Digitalisierung hält immer weiter Einzug in die Diagnostik und in die Therapie. Ich bin seit 20 Jahren CAD/CAM-Anwender und setze das auch in der Praxis am Behandlungsstuhl ein. Ich bin digital-affin und daher interessiert mich dieser Bereich auch besonders.

Die technologische Entwicklung schreitet rasant voran. Wie verändert sich dadurch das Berufsbild Zahnarzt?

Seib: Das Berufsbild ändert sich in seiner Basis erst einmal nicht. Es wird trotz aller Prävention weiter Karies geben. Die zahnärztlichen Basistätigkeiten bleiben also bestehen. Aber wir haben eine Schwerpunktverschiebung von restaurativ zu präventiv und von analog zu digital. Daraus folgt, dass die Ausbildung der Zahnärzte angepasst werden muss. Unsere Approbationsordnung stammt aus dem Jahr 1955 und steht ja seit geraumer Zeit zur Novellierung an. Die geltende Approbationsordnung kann dieser Entwicklung natürlich nicht mehr gerecht werden. Das berufliche Umfeld des Zahnarztes ändert sich ebenfalls.

Inwiefern?

Seib: Wir stecken da gewissermaßen in einer Art Teufelskreis. Auf der einen Seite haben wir immer mehr und immer aufwändigere Möglichkeiten in der modernen Zahnmedizin. Auf der anderen Seite haben wir eine demografische Entwicklung hin zu einer älter werdenden Bevölkerung. Die Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung werden also künftig abnehmen. Diese beiden Entwicklungen sind problematisch für die Zahnärzteschaft. Die Zahnmedizin ist kein Kostentreiber, die Ausgaben der GKV sind hier relativ stabil im Vergleich zur ambulanten ärztlichen und Krankenhausbehandlung. Jedes Jahr erleben wir trotzdem von Seiten der Politik eine zunehmende Kostenregulierung – durch die Gesamtvergütung, durch Honorarregulierung, die Abrechnungsprüfung, die Wirtschaftlichkeitsprüfung,. Der Zahnarzt kommt so in eine betriebswirtschaftliche Zwickmühle. Er muss im Personal- und Gerätebereich immer mehr investieren. Deshalb sind neue Wege gefragt. Der Zahnarzt wird sich künftig in seiner Grundeinstellung rekalibrieren müssen. Er ist nicht mehr der Individualist und Einzelkämpfer, sondern wird zum Netzwerker unter Wahrung seiner Selbständigkeit und Freiberuflichkeit.

Die Zyklen der technischen Innovationen werden immer kürzer. Kann die Einzelpraxis aus finanziellen Erwägungen immer auf dem neuesten Stand bleiben?

Seib: Der Zahnarzt kann das schaffen, indem er Kooperationsmöglichkeiten zur gemeinsamen Ressourcennutzung sucht. Apparategemeinschaften sind ja heute schon üblich, beispielweise für DVT-Einrichtungen. Dasselbe sehen wir heute auch im Praxisverwaltungsbereich, wo mehrere Praxen sich eine zentrale Abrechnungskraft teilen. Mit solchen Konstrukten wird man die Freiberuflichkeit und Selbständigkeit auch langfristig in Deutschland sichern können. Dazu braucht es aber ein Umdenken.

Es gibt immer mehr Zahnärztinnen und neue Formen gemeinschaftliche Berufsausübung. Auch die Erwartungshaltung der Patienten gerade mit Blick auf die Öffnungszeiten ändert sich. Hier ändert sich das Berufsbild. Wie muss sich die Standespolitik hierzu positionieren?

Seib: Ich kann hier natürlich nur für die KZVWL sprechen. Wir müssen uns in Zukunft noch stärker mit Kosten- und Versorgungsstrukturen beschäftigen. Hier werden wir die Analyse verstärken, etwa mit der ZäPP-Erhebung, um eine wissenschaftlich fundierte und repräsentative Datengrundlage für die Vertragsverhandlungen zu schaffen. Die erhobenen Daten haben aber auch einen Erkenntnismehrwert für die einzelne Praxis, mit dem wir als Beratungsdienstleister beim einzelnen Zahnarzt Positives bewirken können. Das ist zumindest das Selbstverständnis der KZVWL. Wir müssen nicht nur der Prüfer der Abrechnung sein, wir müssen immer mehr zum Berater unserer Mitgliedspraxen werden, um ihnen zu zeigen, was sie verbessern können.

Wie steht es um die Attraktivität des Berufsbilds Zahnarzt?

Seib: Die Politik müsste der Bevölkerung vermitteln, wie hoch das Niveau der zahnärztlichen Versorgung ist. Dieses hohe Niveau ist dann auch die Grenze in der GKV. Für alles, was darüber hinausgeht, kann man sich dann privat versichern. Unsere Politik macht es aber anders. Sie erweckt den Eindruck, die Patienten erhielten alles innerhalb der GKV. Gleichzeitig werden die Kosten immer weiter reguliert und gedeckelt. Das passt nicht zusammen. Wir wollen weiter die Attraktivität des Berufsbilds hochhalten, wenn aber die Einnahmemöglichkeiten weiter sinken und gleichzeitig die Bürokratielast steigt, wird das schwierig. Wir haben daher im Rahmen unseres Sicherstellungsauftrags mit den Universitäten Münster und Witten Famulaturen organisiert, um weiterhin junge Menschen für den Zahnarztberuf zu begeistern. Für die Rahmenbedingungen ist aber die Politik zuständig. Sie muss dafür sorgen, dass diese sich wieder verbessern.

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