Praxisführung

Rollentausch

Wenn Schnittstellen verschmelzen

Rollentausch
Romolo Tavani – stock.adobe.com

Aus der eigenen Perspektive heraus liegen die Dinge immer ganz einfach. Ein Rollentausch kann helfen, den anderen besser zu verstehen.

Arbeitsteilung war eine der Errungenschaften unserer Industrialisierung. Jeder hat seine Aufgabe und führt diese nach bestem Wissen und Gewissen aus. Wenn jeder seinen Beitrag leistet, so die Hypothese, dann gelingt das Ganze. Das klingt plausibel und trotzdem funktioniert es oft nicht.

So auch in der Softwareentwicklung. Hier gab es bisher immer zwei getrennte Arbeitsgruppen: Personen, die eine Software entwickeln (Development) und eine zweite Gruppe, die diese Software in Betrieb nimmt und gewährleistet, dass sie zur Zufriedenheit der Nutzer funktioniert (Operations). Durch diese Arbeitsteilung ergibt sich eine große Schnittstelle: Die Übergabe der fertig entwickelten Software an den Betrieb. Das, was diese sich erdacht und getestet haben, soll nun im großen Stil umgesetzt werden.

Was DevOps besser machen

Die Softwareentwickler nehmen sich nach Abgabe eines Produkts an den Betrieb sofort wieder einer neuen Aufgabe an. Und der Betrieb schaut nun, wie er das, was die Kollegen entwickelt haben, zum Laufen bringt. Nicht einfach. Denn beide Seiten kennen oft die Realitäten des jeweils anderen nicht. Sie wissen weder um die Details, noch kennen sie genau die Anforderungen und Hürden. Kein Wunder, dass das nicht immer so klappt, wie man sich das ausgedacht hat. Obwohl die Idee einfach und logisch klingt. Schnittstellen haben es grundsätzlich in sich. Und ohne eine gute Strategie bilden sie immer wieder die Stolpersteine des Alltags.

Deswegen sind die beiden Gruppen inzwischen dazu übergegangen, sich als DevOps, also als eine Gruppe zu betrachten. Die Mitarbeiter aus Operations sind jetzt in den Entwicklungsprozess (Development) integriert und können den Entwicklern zu einem frühen Zeitpunkt schon sagen, welche Themen im Betrieb aufkommen können. Sie blicken mit einer anderen Perspektive auf das Produkt, kennen ihre Kapazitäten und Rechenleistung. Und die Entwickler fühlen sich auch nach Abgabe ihres Produkts noch für die Funktionsfähigkeit zuständig. Sie beraten sich gegenseitig, treffen die wichtigen Entscheidungen zusammen und haben beide das gleiche Ziel: Die Software soll beim Anwender funktionieren.

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In einer Praxis passiert etwas sehr Ähnliches. Es gibt zwar oft drei und mehr Gruppen (Ärzte, Assistenzen, Verwaltung und Labor), aber alle Gruppen haben das gleiche Ziel: Der Patient soll gut behandelt werden und zufrieden die Praxis verlassen. Wenn wir nun also die Bereiche trennen, sich nur untereinander besprechen lassen und so Abteilungen einführen, dann nehmen wir die ganzheitliche Perspektive raus. Jede Abteilung arbeitet dann zwar für sich passend, aber an den Schnittstellen gibt es Probleme: bei der Verständigung am Stuhl, bei der Herstellung von Zahnersatz, bei der Anmeldung von Patienten. Jeder handelt aus seiner Perspektive heraus richtig, vergisst aber, welche Notwendigkeiten es für den Kollegen gibt. Und so entstehen die täglichen Konflikte, die keiner braucht, die uns nicht weiterbringen und die Stress erzeugen.

Erst wenn man die Schnittstellen genau versteht und das Ganze im Blick hat, kann eine gute Zusammenarbeit auch gelingen. Erst dann schaffen wir es, die Verantwortung für den gesamten Prozess miteinander zu tragen. Und dafür ist es notwendig, den Arbeitsplatz des anderen gut zu kennen. Besser noch: Selbst hier gearbeitet zu haben. Ungünstig also, wenn sich eine Mitarbeiterin nur in der Verwaltung aufhält und so Kontakt zu Ärzten, Kollegen und Patienten verliert. Genauso ungünstig ist es aber auch, wenn eine Stuhlassistenz nicht weiß und versteht, wie ihre Dokumentation am Stuhl weiterverarbeitet wird. Sie kann nur dann ausreichend gut dokumentieren, wenn sie versteht, welche Angaben genau für die Abrechnung gebraucht werden. Und auch einem Arzt tut es gut, ab und zu bei einem Kollegen zu assistieren, um zu sehen, wie gut er den Bedarf des Kollegen erkennen und darauf reagieren kann.

 

Ziele gemeinsam erreichen

Aus der eigenen Perspektive heraus liegen die Dinge immer ganz einfach. Und wenn etwas nicht klappt, liegt es bestimmt am anderen. Erst wenn wir den anderen begleiten oder gar in seine Rolle schlüpfen, können wir verstehen, mit welchen Themen sich der Kollege beschäftigt und mehr Verständnis und Einfühlungsvermögen aufbringen. Also ab und zu ein Mini-Praktikum im Labor, am Stuhl, in der Verwaltung oder bei der Prophylaxe helfen, die Zusammenarbeit im Sinne von DevOp zu verbessern und gut miteinander umzugehen. Denn schließlich haben wir alle das gleiche Ziel: Den Patienten bestmöglich zu versorgen und zufriedenzustellen.

Dr. Susanne Klein

Susanne Klein

Dr. Susanne Klein ist Referentin an der Pluradent-Akademie für das Thema „Praxisführung“. Sie ist maßgeblich verantwortlich für das Coaching von Praxisinhabern und Führungsteams zur Gestaltung von erfolgreicher Führung und Zusammenarbeit bei ProdentConsult. Die promovierte Psycholinguistin berät und coacht seit 1993 Führungskräfte in verschiedenen Unternehmen. Seit zehn Jahren bildet sie international zertifizierte Führungscoaches aus und hat eine Vielzahl von Publikationen in diesem Themenbereich veröffentlicht. Sie hat auch zwei international anerkannte Preise für ihre Programme gewonnen. 2015 wurde sie in den deutschen Vorstand des European Mentoring and Coaching Council gewählt. Kontakt per E-Mail an susanne.klein@pluradent.de.