Praxisführung

Unbegrenzt Urlaub

„Nur wer Spaß an der ­Arbeit hat, arbeitet auch gut“

Bongard_Team
Bongard

Nur wer gerne arbeitet, bringt die volle Leistung: Zahnarzt Thomas Bongard und seine zufriedenen Mitarbeiterinnen.

Zahnarzt Thomas Bongard, der seit 2003 eine Praxis mit neun Angestellten im sauerländischen Halver betreibt, hat im vergangenen Jahr ein Experiment gewagt. Er gewährte seinen Mitarbeiterinnen unbegrenzten Urlaub.

60 Tage frei – ein Modell, das der Generation Y mit ihrem Bedürfnis nach Work-Life-Balance entgegenkommen dürfte. Welche Herausforderungen Thomas Bongard und sein Team zu meistern hatten und ob das Experiment geglückt ist, verrät der Zahnarzt im Interview.

Wie entstand die Idee zu dem Experiment „unbegrenzter ­Urlaub“?

Thomas Bongard: Ich möchte, dass sich meine Mitarbeiterinnen wohlfühlen und gerne zu mir kommen. Denn nur, wer Spaß an der Arbeit hat, arbeitet auch gut. Und das wird auch an die Patienten weitergegeben. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie ich Zufriedenheit schaffen kann. Wir sind eine Landpraxis im wunderschönen Sauerland, das bedeutet, dass das Thema Gehalt irgendwann an seine Grenzen stößt. Und ich weiß aus eigener Erfahrung: Geld ist nicht alles. Ich habe in dem Jahr vor dem Experiment viele Fortbildungen besucht und die Ausbildung zum Hypnosetrainer gemacht. Meine Mitarbeiterinnen hatten also viel frei. Dann hatte jeder noch zwei Wochen, die er selbst gestalten konnte. Insgesamt kam jede Mitarbeiterin auf etwa 50 freie Tage. Dann habe ich irgendwann gesagt: Damit will ich gar nichts mehr zu tun haben, ihr könnt freinehmen, wann ihr wollt, das muss organisiert sein und es gibt keinerlei Einschränkungen. Das Ganze funktioniert natürlich nur, wenn ich das entsprechende Personal habe, das heißt, ich muss mehr Leute einstellen, und das bedeutet auch, dass die Mitarbeiterinnen etwas weniger verdienen. Die Löhne lagen zur Zeit des Experiments im Durchschnitt der auf dem Land üblichen ZFA-Gehälter. Ich sehe mich in einer sozialen Verantwortung, da die Stellen im ländlichen Raum nicht auf der Straße liegen. Die Lösung fanden meine Mitarbeiterinnen eigentlich alle ganz gut. Ich habe mir dann angesehen, wie es funktioniert, wie oft die Kolleginnen wirklich freinehmen. Eine Mitarbeiterin musste ich sogar erinnern, in den Urlaub zu gehen. Ich hätte das Modell gern aufrechterhalten, es gab allerdings einige Nachteile.

Welche Probleme gab es denn? Woran ist das Experiment ­gescheitert?

Bongard: Wenn wir voll besetzt waren, funktionierte es nicht mehr. Dann wurden einige Dinge einfach nicht mehr erledigt. Es kam die Einstellung auf: Das macht schon irgendwer. Das Kommunikationsproblem war eine Schwierigkeit, mit der ich zu kämpfen hatte. Insbesondere eine Mitarbeiterin hat nur noch herumgesessen. Von der habe ich mich dann auch getrennt. Es ist natürlich sehr verführerisch, sitzen zu bleiben, wenn man es sich zum Quatschen gemütlich gemacht hat. Mit der vielen Freizeit sind zudem zwei Mitarbeiterinnen schwanger geworden (lacht). Dann hatte ich plötzlich zu wenig Personal. Es ist ja bekanntlich äußerst schwierig, überhaupt Personal zu finden, gerade hier auf dem Land. Daher habe ich die alte Regelung wieder eingeführt: 30 Tage Urlaub und für jeden eine Gehaltserhöhung von 20 Prozent. Damit liegen die Löhne jetzt über dem ortsüblichen Durchschnitt.

Hatten Sie keine Bedenken, dass das großzügige Angebot ausgenutzt wird?

Bongard: Doch, hatte ich. Auf der anderen Seite kenne ich meine Kolleginnen. Alle, die hier arbeiten, habe ich selbst ausgebildet und ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie so stark ausnutzen, dass es im Chaos endet. So viel Vertrauen hatte ich schon.

Hatte der Mehrurlaub positive Auswirkungen auf die Arbeitsleistung und Stimmung im Team?

Bongard: Dadurch, dass jede Mitarbeiterin ein langes Wochenende im Monat hatte, und auch durch die zusätzlichen freien Tage waren die Kolleginnen sehr entspannt, die Stimmung war toll. Das haben auch die Patienten gemerkt. Wenn ich wieder mehr Personal finde – zurzeit suche ich dringend –, könnte ich mir vorstellen, dass wir dieses Modell wieder einführen. Das Gehalt würde dann natürlich wieder angepasst und das geht natürlich nur, wenn sich alle einig sind.

Wie viel Urlaub haben die ­Mitarbeiterinnen genommen?

Bongard: Im Schnitt hat jede Mitarbeiterin 60 Tage in dem Jahr freigenommen. Ich hatte zwei Angestellte mehr als ursprünglich benötigt. Damit war die Arbeit zu bewältigen.

Wie viel Urlaub haben Sie selbst genommen?

Bongard: 25 Tage. Ich habe jetzt auch eine angestellte Zahnärztin und hoffe, dass ich selbst auch wieder mehr freinehmen kann. Natürlich möchte ich die Praxis nicht so oft schließen. Meine Mitarbeiterinnen haben mehr Urlaub als ich, aber auf der anderen Seite erwarte ich auch viel von meinen Mitarbeiterinnen. Sie sollen an jeder Stelle arbeiten können, sehr viel selbstständig erledigen und ich erwarte, dass sie immer zu hundert Prozent empathisch mit den Patienten sind. Und dann haben sie auch viel frei verdient, das ist nämlich ganz schön anstrengend!

Eine interessante Einstellung. Das sehen sicher nicht sehr viele Vorgesetzte so. Da gibt es die 24 gesetzlichen Urlaubstage und Stressbewältigung ist ­Privatsache.

Bongard: Damit schneidet man sich ins eigene Fleisch. Zu uns kommen Patienten, die mit der Behandlung bei der Konkurrenz zufrieden waren, aber die schlechte Stimmung und die fehlende Freundlichkeit am Empfang als störend empfunden haben. Das möchte ich nicht. Ich möchte, dass die Patienten gerne kommen. Und das funktioniert nur, wenn im Ganzen die Stimmung gut ist.

Waren die Mitarbeiterinnen verärgert, als die alte Urlaubsregelung wieder eingeführt wurde?

Bongard: Es hat am Anfang ein wenig Ärger gegeben, da ich – anders als sonst – ohne Abstimmung im Team entschieden habe, dass die alte Regelung wieder eingeführt wird. Es gab Bedenken, da schon Urlaube gebucht waren. Die Angst habe ich aber genommen. Da ich die Entscheidung im Laufe des Jahres getroffen habe, musste natürlich keiner seinen gebuchten Urlaub stornieren. Momentan sind die Kolleginnen mit dem höheren Gehalt sehr zufrieden.

Der Chef einer Digitalagentur in Bielefeld hat die 25-Stunden-­Woche eingeführt. Mit Erfolg. Könnten Sie sich dieses Modell für Ihre Praxis vorstellen?

Bongard: Das ginge mit einem Schichtsystem. Ich wüsste nicht, wie ich das sonst organisiert bekäme. Aber das ist durchaus etwas, das mal überlegenswert ist. Im August fangen zwei Auszubildende an und wenn die sich gut anstellen und ich sie übernehmen kann, kann ich wieder über ein Freizeitmodell nachdenken.

Viele Zahnärzte würden es ­sicher für unwirtschaftlich ­halten, einen so großen Per­sonalstamm zu beschäftigen.

Bongard: Man verdient hier auf dem Land sicher nicht so viel wie in der Stadt. Wir verkaufen nicht viele Implantate, viele Patienten möchten nur die Kassenfüllung haben. Aber wir sitzen nicht vor leeren Stühlen. Teilweise haben wir bis zu 70 Patienten an einem Tag. Das muss man natürlich auch irgendwie bewältigen. Man kann sich einen großen Personalstamm also durchaus leisten.

Was ist moderne Personal­führung für Sie?

Bongard: Das Gehalt muss natürlich stimmen. Eine meiner Mitarbeiterinnen ist gegangen, weil sie mehr Geld verdienen wollte. Jetzt, da sie gehört hat, dass ich ihr mehr bezahle, kommt sie wieder zurück. Aber ich möchte kein hierarchisches Arbeiten, sondern, dass man auf einer Ebene agiert. Außerdem sollte man mehr auf die weichen Faktoren achten. Damit erreicht man eine viel größere Mitarbeiterzufriedenheit als nur über die Geldschiene. Ich würde eher aufs Geld verzichten und hätte dann entsprechend mehr Freizeit oder könnte meine Freizeit besser gestalten. Meine Devise: Wenn ich denke, etwas ist gut für mich, kann es auch für andere gut sein.

Weitere Artikel