ZahnMedizin kompakt

Historische Übersicht

Zahncreme-Werbung förderte falsches Kariesverständnis

Eine Werbekampagne trug wesentlich dazu bei, dass sich tägliches Zähneputzen kulturell etabliert hat.
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Eine Werbekampagne trug wesentlich dazu bei, dass sich tägliches Zähneputzen kulturell etabliert hat.  
 

Eine Werbekampagne trug dazu bei, dass sich tägliches Zähneputzen kulturell etabliert hat. Kariesätiologisch zentrale Faktoren wie die Ernährung wurden allerdings zugleich verharmlost – mit Unterstützung der Zahnärzte.

Wirtschaftliche Interessen von Zahncreme-Herstellern hatten möglicherweise erheblichen Einfluss darauf, wie Kariesursachen bis heute in Zahnärzteschaft und Bevölkerung gesehen werden [1]. Während lange Zeit strukturelle Defekte infolge Vitamin-D-Mangel als wichtigster ätiologischer Faktor galten, wurden etwa mit Beginn der 1920-er Jahre saubere Zähne als hinreichende Voraussetzung für Kariesfreiheit angesehen. Dieser Wandel verlief parallel zu erheblichen Werbeaktivitäten für Zahncreme und verstärkte Mundhygiene in den USA, später weltweit. Die Kampagne für Pepsodent gilt bis heute als Musterbeispiel für erfolgreiche Vermarktung. Das Produkt war bis in die 1950er Jahre fluoridfrei [2].*

Zahncreme-Werbung prägte offenbar die öffentliche Wahrnehmung, dass Karies durch saubere Zähne vollständig verhindert werden kann [1]. Diese Auffassung wurde auch von zahnärztlichen US-amerikanischen Organisationen im Bereich der Prophylaxe verbreitet. Der Zahnarzt und Gesundheitswissenschaftler Philippe Hujoel (Universität Seattle, USA) liefert in seiner historischen Übersicht Indizien, dass hierzu auch Einnahmen des „Journal of the American Dental Association“ (JADA) aus der Zahncreme-Werbung beitrugen [1]. Die gegenläufige Expertise eines ADA-Gremiums, dass (fluoridfreie) Zahncremes keine kariespräventive Funktion haben, fand keine ausreichende Beachtung.

Zuckerkonsum als irrelevant bewertet

Zudem wurde die ätiologische Rolle der Ernährung, wahrscheinlich unter dem Einfluss der Zuckerindustrie, lange Zeit ignoriert [3]. Bis vor kurzem vertraten auch deutsche Kariologen die Auffassung, dass regelmäßiges Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahncreme die Zähne wirksam vor Karies schützt – weitgehend unabhängig vom Zuckerkonsum. Weiterhin verweist Hujoel auf die heute kaum noch diskutierte Tatsache, dass Vitamin D erst im Jahr 1945 von der ADA als irrelevant für die Kariesprävention erklärt wurde [1]. Er sieht Vitamin-D-Gaben, neben Fluorid, weiterhin als erwiesene kariespräventive Maßnahme [4, 5]. Damit befindet er sich klar im Widerspruch zur aktuellen kariologischen Lehrmeinung.

In einer Literaturauswertung aus dem Jahr 2017 wurde interessanterweise kein reinigender Effekt für Zähneputzen mit Zahncremes im Vergleich zu Zähneputzen ohne Zahncremes gefunden [6]. Auch das meist enthaltene Schaummittel Natriumlaurylsulfat wird zwar von Anwendern als angenehm empfunden, hat aber offenbar keinen plaque-reduzierenden Effekt [7]. Beides ist insofern irrelevant, als enthaltenes Fluorid nachweislich kariespräventiv und Zähneputzen über die Plaque-Reduktion einer Gingivitis entgegen wirkt [8].

Dogmen immer wieder hinterfragen

Die Analyse von Hujoel zur Rolle der Zahncreme-Werbung ist dennoch interessant und wichtig: Scheinbar über alle Zweifel erhabene Dogmen wie „saubere Zähne werden niemals krank“ – und selbstverständlich auch alle aktuellen Auffassungen – sollten laufend hinterfragt werden. Wissenschaft ist alternativlos – repräsentiert aber immer nur den neuesten Stand des Irrtums.

* Heute gibt der Hersteller Unilever indischen Konsumenten auf Pepsodent-Produktseiten folgende, wissenschaftlich basierte Ratschläge: „Brush at least twice a day. Visit your dentist regularly. Avoid excessive sweet, sticky food“. Andererseits wird, ohne wissenschaftliche Belege, ein zwölfstündiger Schutz gegen „Kavitäten erzeugende Mikroorganismen“ mit der Zahncreme Pepsodent Germicheck versprochen (https://www.pepsodent.in/sweetcrazyindia.html).

Literatur
[1] Hujoel PP. Historical perspectives on advertising and the meme that personal oral hygiene prevents dental caries. Gerodontology; online 20181014. doi:10.1111/ger.12374 (freies PDF
[2] Wikipedia. Pepsodent, accessed 20190219. https://de.wikipedia.org/wiki/Pepsoden
t[3] Copywriter. Sugar and the teeth of children. J Am Dent Assoc 1929;16:A42.
[4] Hujoel PP. Vitamin D and dental caries in controlled clinical trials: systematic review and meta-analysis. Nutrition reviews 2013;71:88-97.
[5] Hujoel PP, Hujoel MLA, Kotsakis GA. Personal oral hygiene and dental caries: A systematic review of randomised controlled trials. Gerodontology 2018;35:282-289.
[6] Valkenburg C, Slot DE, Bakker EWP, Van der Weijden FA. Does dentifrice use help to remove plaque? A systematic review. Journal of Clinical Periodontology 2016;43:1050-1058.
[7] Sälzer S, Rosema N, Hennequin-Hoenderdos N, Slot D, Timmer C, Dörfer C, et al. The effectiveness of a dentifrice without sodium lauryl sulphate on dental plaque and gingivitis – a randomized controlled clinical trial. International Journal of Dental Hygiene 2017;15:203-210.
[8] Van der Weijden FA, Slot DE. Efficacy of homecare regimens for mechanical plaque removal in managing gingivitis a meta review. Journal of Clinical Periodontology 2015;42:S77-S91.

 

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).

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