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Studie zur Internetnutzung

20 Millionen Senioren bleiben auf der Strecke

Handlungsbedarf: Generation 70+ und Digitalisierung
Robert Kneschke/Shutterstock.com

Handlungsbedarf: Generation 70+ und Digitalisierung

Ob twittern, chatten oder surfen, E-Mails versenden oder online shoppen: Für junge und junggebliebene Menschen ist das selbstverständlich. Senioren sind allerdings wesentlich zurückhaltender und erhalten wenig Hilfe, wenn es darum geht, mit dem Internet in Kontakt zu kommen. „20 Millionen ältere Menschen in Deutschland bleiben bei der Digitalisierung auf der Strecke“, sagt Informatik-Professor Herbert Kubicek vom Institut für Informationsmanagement Bremen (ifib), einem Forschungsinstitut an der Universität Bremen. Er fordert von der Politik massive Investitionen, um auch die Senioren bei der Digitalisierung „mitzunehmen“: Vor dem Hintergrund unserer rapide alternden Gesellschaft, argumentiert der Wissenschaftler, wäre es „mehr als fahrlässig, auf diesem Gebiet weiterhin so wenig wie bisher zu tun“.

Digitalisierung für Ältere kommt in Sondierungsgesprächen nicht vor

Seit vielen Jahren forscht Kubicek zum Thema Internetnutzung durch ältere Bevölkerungsschichten. Von 1996 bis 1998 war er Mitglied einer Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags zur Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft. In dieser Funktion hat der Informatiker das Problem der Digitalen Spaltung und die Förderung von öffentlichen Internetzugängen in einem Minderheitsvotum in den Abschlussbericht eingebracht.

Damals glaubte die Mehrheit der Kommission, das Problem würde sich mit der Zeit von alleine lösen. Tat es aber nicht – und deshalb ist Kubicek heute „frustriert und enttäuscht“: „Ich höre jetzt aus den aktuellen Sondierungsgesprächen zur Regierungsbildung, dass es in der entsprechenden Arbeitsgruppe beim Thema Digitalisierung um Breitbandausbau sowie die Digitalisierung von Schule und Arbeit geht. Aber die dritte Lebensphase nach Ausbildung und Arbeitsleben – der nachberufliche Lebensabschnitt – wird weder thematisiert noch gefördert.“ Viele Millionen ältere Menschen in Deutschland seien immer noch offline, haben Berührungsängste und Sicherheitsbedenken.

Die Alterslücke hat sich nicht verringert

Zusammen mit Barbara Lippa von der Stiftung Digitale Chancen hat Kubicek aktuell eine Studie zur Alterslücke veröffentlicht, die den Abstand zwischen den Nutzungsquoten der Jungen und Alten fokussiert. Das Ergebnis: Von der Generation 70+ haben mehr als zehn Millionen das Internet noch nie genutzt. Besorgniserregend: Die Alterslücke hat sich in dieser Altersgruppe seit 2001 nicht verringert. „Bisherige Maßnahmen haben also offensichtlich keine nachhaltige Wirkung erzielt“, lautet das Fazit des Informatikers.

In dem Projekt konnten rund 400 ältere Menschen über Seniorentreffs und Begegnungsstätten für acht Wochen einen Tablet-PC ausleihen und ein Begleitangebot nutzen. Zu Beginn wurden sie nach ihren Erwartungen, am Ende der Ausleihzeit zur tatsächlichen Nutzung befragt. „Viele Seniorinnen und Senioren hatten erwartet, dass ihnen die Tablet-Nutzung Wege erspare und sie auch länger selbstständig bleiben könnten“, sagt Barbara Lippa. „Aber weniger als 25 Prozent haben dann tatsächlich online eingekauft oder andere Transaktionen vorgenommen.“ Fazit: Gerade „schwierigere“ Anwendungen werden mit zunehmendem Alter seltener genutzt. „Aber genau die könnten bei abnehmender Mobilität das Leben der Älteren erleichtern und nützlich sein“, sagt Kubicek. „Was nutzt es, wenn wir auf dem Gebiet von Telemedizin und E-Health fantastische Software und Assistenzsysteme entwickeln – und kein älterer Mensch ist dann in der Lage, sie zu bedienen und zu nutzen?“

Ältere haben beim Internet ein „doppeltes Vertrauensproblem“

Seiner Meinung nach ist die Zahl der Älteren, die ohne gezielte Unterstützung die Chancen der Digitalisierung nicht nutzen können, weitaus größer als die genannten zehn Millionen „Offliner“. Sie umfasse auch mindestens zehn Millionen „gelegentliche Minimalnutzer“. In Interviews haben Kubicek und Lippa festgestellt, dass das Haupthindernis ein „doppeltes Vertrauensproblem“ ist. „Wo junge Leute unbekümmert nach dem Prinzip ‚Versuch und Irrtum‘ neue Techniken ausprobieren, haben ältere Menschen Zweifel, ob sie auftretende Probleme bewältigen können. Sie verzichten dann lieber auf die Nutzung“, so das Bremer Forscherduo.

Tablet-Abendkurse in der Volkshochschule würden da eher wenig helfen. „Die Ängste der Älteren betreffen die technische Bedienung – beispielsweise Registrierung und sichere Passwörter, die man nicht aufschreiben soll. Aber auch die Frage, was bei falscher oder fehlerhafter Lieferung von Waren zu tun ist.“ Die Wissenschaftler schlagen daher vor, dass auf diese Vorbehalte mit ganz anderen Konzepten und Angeboten reagiert werden sollte: „Keine Kurse mit gemischten Gruppen, sondern lieber Coaching in kleinen homogenen Gruppen.“ Neben praktischen Übungen, in denen es beispielsweise auch um den rechtlichen Verbraucherschutz geht, sollten auch regelmäßige Sprechstunden angeboten werden, in denen man auch nach einem Training noch Hilfe bekommt. In ihrer Studie, die von der Stiftung Digitale Chancen in Kooperation mit Telefónica Deutschland finanziert wurde und mittlerweile auch als Buch erschienen ist, haben die Autoren zehn Grundsätze für die altersgerechte Förderung digitaler Kompetenzen aufgestellt.

Bundesregierung soll 50 Millionen Euro in Tablet-PCs bereitstellen

Kubicek und Lippa sind der Überzeugung, dass das mit den Telefónica-Tablets pilotartig erprobte Leihmodell in Kooperation mit Senioreneinrichtungen der Schlüssel zur Verringerung der Alterslücke sein kann. Die Stiftung Digitale Chancen hat daher einen Masterplan entworfen, der in der Publikation des Wissenschaftlerteams ausführlich erläutert und begründet wird. Die Bundesregierung solle 30.000 Seniorentreffs und 3.000 Seniorenheime mit jeweils zehn Tablet-PCs ausstatten. Diese sollen für drei Monate zusammen mit einem geeigneten Begleitangebot an ihre Besucher beziehungsweise Bewohner ausleihen. So könne in drei Jahren die zehnfache Anzahl älterer Menschen ohne eigene Investitionen erste Erfahrungen sammeln und Selbstvertrauen gewinnen.

„Inklusive Training der Trainer schätzen wir die Kosten für eine solche bundesweite Aktion auf 50 Millionen Euro“, rechnet Kubicek vor. „Wenn Milliarden für die Digitalisierung der Schulen versprochen werden, dann sollte der Bundesregierung auch dieser Betrag für die zunehmende Zahl älterer Menschen Wert sein.“ Diese haben Umfragen zufolge das Gefühl, abgehängt und von der Politik nicht ernst genommen zu werden. „Die aktuellen Sondierer hätten aktuell die Chance, diesen Ängsten entgegenzuwirken“, so der Bremer Informatiker.