Zahnmedizin

Invisalign Scientific Symposium

Aligner-KfO – auch bei ­Kindern und ­Heranwachsenden eine Option?

Statt real in der tschechischen Metropole Prag fand das zweite wissenschaftliche Symposium von Align Technologies am 15. und 16. Mai 2020 virtuell im weltweiten Netz statt. Biomechanische Grundlagen des ­Invisalign-Systems erläuterte der Entwicklungsingenieur John Morton. Demnach beruhen die auf die Zähne einwirkenden Kräfte der elastischen Invisalign-Schienen auf Verformung des verwendeten Materials, nicht auf einer reinen Verlagerung aufgrund eines starren Kunststoffs. Die Kräfte wirken laut Morton nicht nur auf einzelne Zähne, sondern definiert auf Zahngruppen. Erreicht werde ein optimaler Bewegungspfad, der auf umfangreichen, weltweit erhobenen Daten und daraus abgeleiteten Algorithmen beruhe. Die Voraussagbarkeit klinischer Ergebnisse werde dadurch gegenüber anderen Systemen erhöht. Publizierte klinisch-biomechanische Daten gibt es jedoch nach Recherche des Autors bisher kaum.

Frühbehandlung mit Alignern

Die von Norton beschriebenen Prinzipien werden für das von Align neu eingeführte Konzept zur Frühbehandlung von Kindern ab sechs Jahren (Invisalign First) genutzt. Gruppen von Molaren und Frontzähne der ersten Dentition dienen dabei als Widerlager für bleibende Molaren und werden zugleich mitbewegt. Die Kieferorthopädin Dr. Mitra Derakshan, bei Align verantwortlich für klinische Forschung, präsentierte interne Daten zur Distalisierung von Oberkiefermolaren, die in Kombination mit Gummizügen (Elastics) um einen Betrag von 2 bis 6 mm durchgeführt werden konnte. Laut Unternehmen sind bis zu 8 mm möglich.

Zivilisationsbedingt werden nach einer Literaturauswertung von Dr. Tommaso Castroflorio (Italien) transversal unterentwickelte Oberkiefer und damit verbundene Fehlverzahnungen immer häufiger. Im Alter zwischen sieben und elf Jahren lassen sich Zahnbögen wegen des natürlichen Wachstums leicht erweitern, sodass eine Behandlung in diesem Zeitraum nur geringe Kräfte erfordert. Im Vergleich zu Deutschland werden Behandlungen in der ersten Wechselgebissphase international häufiger abgelehnt und werden meist nur für lokalisierte Probleme wie Einzelzahn-Überstellungen empfohlen.

Andere Länder, andere ­Bedingungen

In fast allen Ländern der Welt müssen kieferorthopädische Behandlungen privat bezahlt werden, auch bei Kindern im Wechselgebiss. Da sie von der GKV nicht erstattet werden, spielen Aligner-Systeme bisher in dieser Altersgruppe in Deutschland kaum eine Rolle (vgl. Vortrag Dr. Brothag, weiter unten). Hinzu kommt, dass Aligner-Therapie vor allem in der zweiten Wechselgebissphase technisch anspruchsvoll sein kann und neben kieferorthopädischen Grund- entsprechende Spezialkenntnisse erfordert.

Die verbreitete Ablehnung von Frühbehandlungen wird auch von Castroflorio und seinem Turiner Kollegen Dr. Francesco Garino nicht geteilt. Eine Untersuchung der Castroflorios-Gruppe an der Universität Turin zeigt bei 43 Patienten im durchschnittlichen Alter von acht Jahren nach nur 9,7 Monaten eine Oberflächenzunahme des Oberkiefers um 19 Prozent und eine Volumenzunahme um 38 Prozent. Garino demonstrierte anhand mehrerer Beispiele, wie die transversal wirksamen Aligner durch Bewegung posteriorer Zahngruppen im Oberkiefer zunächst Platz für die bleibenden Eckzähne schaffen (Abb. 1 und 2). Parallel wird zum selben Zweck auch der Unterkiefer entwickelt.

In einem weiteren Vortrag zum Thema präsentierte Dr. Silvia Caruso von der Universität L’Aquilla (Italien) einen zehnjährigen Patienten mit seitlichem Kreuzbiss und moderatem bis schwerem Engstand. Nach computergestützter Analyse (ClinCheck) wurden die Oberkieferzahnbögen mit ­Invisalign und Attachments erfolgreich und vor­aussagbar erweitert. Wichtig ist laut Caruso, das empfohlene Protokoll einzuhalten und einmal fixierte Attachments nach der ersten Behandlungsphase in situ zu belassen. Die Aligner werden alle fünf Tage gewechselt, die Compliance der Kinder sei sehr gut.

Klasse-II-Behandlung bei ­Teenagern

Die Kombination von Invisalign mit simultaner mandibulärer Vorverlagerung im Vergleich zu bisherigen Standardmethoden untersuchte die Arbeitsgruppe von Dr. Sandra Tai (Kanada), Autorin eines aktuellen Fachbuchs zur Aligner-Therapie. Verwendet werden dafür sogenannte Präzisionsflügel (Precision wings), die als Teil der Schienen bukkal-posterior in zwei (2 und 4 mm) oder drei Schritten (je 2 mm) gewechselt werden. Simultan werden die Zähne und die Zahnbögen – laut Tai analog zu traditionellen Methoden – dreidimensional in Position gebracht.

Eine in einer Masterthese publizierte Studie zeigte für Invisalign mit mandibulärer Vorverlagerung vergleichbare Ergebnisse wie Twin-Block-Apparaturen, sodass bei retrognathen Patienten in der Wachstumsphase beide Methoden alternativ einsetzbar seien. Vorteile für Invisalign gebe es laut Studie beim schädelbasisbezogenen SNB-Winkel und bei der Kontrolle der Unterkieferfrontzahnneigung. Tai hält die Invisalign-­Methode in dieser Indikation für einen grundlegenden Fortschritt.

Weitere Vorträge boten Details zur Klasse-II-Behandlung bei Teenagern und klinische Hinweise und Daten zur Verwendung von Invisalign in Verbindung mit Gummizügen (Tai: „nur nachts tragen“). Die Behandlung von offenem Biss mit an den Palatinalflächen von Oberkieferfrontzähnen fixierten Aufbissen (Precision bite ramps) erläuterte Dr. Alessandro Greco (Italien). Die Aufbisse sind für den sagittalen Ausgleich bis zu 3 mm tief und werden im Behandlungsverlauf angepasst (G5-­Protokoll) (Abb. 3). Neben der Tiefbisskorrektur durch anteriore Öffnung um 2,5 mm pro 1,0 mm posteriore Extrusion gelingt laut Greco wie bei konventionellen Methoden ein Ausgleich der Speeschen Kurve und eine Clockwise-Rotation der Mandibula, aber in signifikant kürzerer Zeit. Auch hier fehlt es laut Greco an klinischen Studien, die diese Beobachtungen belegen.

Der Miesbacher Kieferorthopäde Dr. Dieter Brothag nannte schließlich Zahlen zur Aligner-Therapie bei deutschen Teenagern: Unter den GKV-Patienten (85 Prozent aller Patienten) werden nur 3 bis 5 Prozent mit Alignern behandelt. Nach einer eigenen, in seinem Vortrag präsentierten Studie erreicht Invisalign mit konventionellen Methoden vergleichbare Ergebnisse, bei geringerem Zeitaufwand. Systematische und narrative Übersichtsarbeiten können dies jedoch nach einer Kurzrecherche des Autors bisher nicht uneingeschränkt bestätigen.

Digitale Möglichkeiten – und Grenzen

Das Invisalign-System ist konsequent digital aufgebaut. Mit der ClinCheck-Software lassen sich neben der Alignerfolge auch Attachments und komplexe Behandlungsabläufe planen und simulieren. Interessant sind neue Visualisierungsmöglichkeiten und telemedizinische Anwendungen. Der Berliner Kieferorthopäde und Nestor der oralen Entwicklungsphysiologie Prof. Dr. Ralf Radlanski weist jedoch darauf hin, dass „Computeralgorithmen nicht alle notwendigen Informationen enthalten und verarbeiten“. Individuelle, über die Ansicht des Zahnbogens hinausgehende Besonderheiten und strukturbiologische Gegebenheiten“ (Verankerungssituation, Kiefergelenk) seien daher digital nicht simulierbar. Entsprechend muss im Einzelfall offenbar mit nicht vorhergesehenen und unerwünschten Ergebnissen gerechnet werden, die nur mit entsprechender kieferorthopädischer Fachkompetenz korrigierbar sind.

Fazit zum neuen ­Veranstaltungs­format

Der Online-Kongress wurde im Vergleich zu einigen Webinaren der letzten Wochen sehr ansprechend präsentiert. Dafür sorgten einerseits fachlich sorgfältig vorbereitete Präsentationen, die auch auf einer Live-Bühne Bestand gehabt hätten. Nur der Hintergrund der aus ihrem Zuhause vortragenden Kollegen war ungewohnt. Interessant ist im Hinblick auf zukünftige Online-Kongresse, dass das „Abfilmen“ der Vorträge oder das Erstellen von Screenshots plötzlich legitimiert zu sein scheint. Bei Präsenzkongressen lassen einige Referenten, die um ihr geistiges Eigentum fürchten, Aufzeichnungen seit Jahren untersagen. Dies führt aus rechtlichen Gründen meist zu einem allgemeinen Verbot durch Veranstalter.

Bis zu 1.300 Teilnehmer waren laut Bildschirmanzeige online. Begleitet wurde die Veranstaltung von einer Fernsehmoderatorin und der Zahnärztin Dr. Beena Harkison, bei Align Technologies regional zuständig für klinische Forschung und Fortbildung (Abb. 4). Das professionelle Studio sorgte in Kombination mit Align-Werbeblocks und einem digital animierten Live-Klavierkonzert für echte Fernsehatmosphäre. Obwohl Präsenzkongresse bald wiederkommen dürften, kann man sich an dieses alternative und ressourcensparende Format durchaus gewöhnen.

Das Literaturverzeichnis kann unter leserservice@dzw.de angefordert werden.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).