Erstbehandlung: Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen Erstbehandlung in der Prophylaxe und der Erhaltungstherapie. Das Vorgehen bei einem neuen Patienten in der Praxis wird nur kurz skizziert (Abb. 1), da das Hauptthema die moderne Erhaltungstherapie ist.

Zahnarzt:

  • ausführliche Anamneseerhebung,
  • ausführliche Befunderhebung und -dokumentation,
  • eventuell notwendige weitere diagnostische Befunderhebung,
  • Behandlungs- und Prophylaxeplan erstellen,
  • ausführliche Besprechung mit dem Patienten

Zahnärztliche Assistentin:

  • Schaffen der Mundhygienefähigkeit und Instruktion und Motivation über das individuelle häusliche Mund-Hygiene-Programm,
  • Schwachstellenanalyse, Reinstruktion, Remotivation zur häuslichen Mundhygiene,
  • Überführung des Patienten in unser Erhaltungsprogramm

Patient in der Erhaltungstherapie: Das aktuelle Konzept in unserer Praxis (GBT) ist nicht als starrer Rahmen, in den alle Patienten gepresst werden, sondern als ein flexibles Ablaufprotokoll zu verstehen. Sowohl der Gesamtrahmen (Zeitdauer), wie auch die einzelnen Elemente müssen für jeden Patienten individuell, risiko- und altersorientiert, Compliance-abhängig angepasst und zielgerichtet eingesetzt werden.

Das Konzept gilt für alle unsere Patienten: gesunde Kinder und Erwachsene, gesunde Erwachsene/gesunde Implantate, Patienten mit Karies, Patienten mit Gingivitis, Patienten mit Parodontitis, Patienten mit Perimukositis und Patienten mit Periimplantitis.

Das modifizierte, neue Ablaufprotokoll: Am Beispiel eines PA-Patienten in der Erhaltungstherapie wird der Ablauf unserer GBT im Praxisalltag beispielhaft dargestellt (Auszug aus unserem Praxishandbuch):

  • erklären, was heute geschieht
  • Spülen mit CHX 0,2-prozentig (BaxterX pro ohne Alkohol, EMS).
  • Parodontaldiagnostik und Dokumentation mithilfe von Paro-Status.
  • anfärben (Rondells Blue, Directa) und Erheben der Mundhygieneindices, Reevaluation der Diagnostik und Dokumentation mit Hilfe von Paro-Status und praxiseigene Software „Dentodine“ [8,9].
  • Remotivation und Reinstruktion der häuslichen Mundhygiene (Dokumentation mithilfe von Paro-Status und praxiseigene Software Dentodine).
  • Behandlungsvorbereitung, Schutzmaßnahmen für Patient und Behandler und OptraGate (Ivoclar Vivadent) (Abb. 2). Es ist in unserer Praxis selbstverständlich, dass die Mitarbeiter in der Prophylaxe Lupenbrillen mit Licht tragen.
  • Supra- und subgingivales Entfernen von Verfärbungen und Biofilm mit Air-Flow und Air-Flow-Plus (EMS), eventuell das Nozzle-Handstück (EMS), bei Taschen tiefer als vier Millimeter einsetzen.
  • Entfernung von harten supragingivalen und subgingivalen Ablagerungen mit Piezon No Pain  und PS-Spitze (EMS).
  • Kontrolle des Reinigungsperfektionsgrads mit feiner Tastsonde (EXD 11/12, Hu-Friedy), eventuell Kontrollanfärben (Rondells Blue, Directa), (Abb. 3 und 4).
  • Kontrolle der durchgeführten Behandlung, Bewerten der parodontalen diagnostischen Daten und Mundhygieneindizes, Durchführung der Diagnostik der Zahnhartsubstanzen durch den Zahnarzt
  • Chemische Plaquekontrolle (Fluoride, CHX etc.)
  • Festlegen des neuen Recalltermins (siehe Abb. ganz oben)

Wissenschaftliche Grundlage der GBT: Vor jeder auch kurativen Behandlung lassen wir unsere Patienten 60 Sekunden mit Chlorhexidin spülen. Diese Mundspülung dient in erster Linie dem Schutz des Praxisteams [4].

Der nächste Schritt ist das Sammeln von diagnostischen Daten. Entsprechend der Erstdiagnose ist eine vereinfachte Reevaluation mit fortlaufende Kontrolle und fortlaufender vergleichender Dokumentation des Karies-, des PAR- und eventuell des Erosions-Risikos notwendig. Wir beginnen immer mit dem Erheben einer einfachen Wiederholungsanamnese, die wir vom Patient unterschreiben lassen. Dann werden mukogingivale Befunde (Taschensondierungstiefen, Attachmentniveau, Blutung auf Sondieren, Lockerungen, Furkationen etc.) erhoben. Bei allen Patienten mit einer parodontalen Vorgeschichte wird mindestens einmal jährlich ein kompletter PAR-Status erhoben (Paro-Status). Bei unseren anderen Patientengruppen wird im Zwei-Jahresrhythmus ein PSI erstellt. Für die Abschätzung des Kariesrisikos steht uns unsere Praxis individuelle Software „Dentodine“ zur Verfügung [8,9].

Danach färben wir die Beläge bei allen Patienten grundsätzlich an. Die Vorteile des Anfärbens für die Reinstruktion und Remotivation zur häuslichen Mundhygiene sind hinlänglich bekannt. Auch die Plaqueindices können perfekt reduzierbar erhoben werden.

Dann folgt das Entfernung des angefärbten Biofilms. Der sichtbare Biofilm kann gezielter, effektiver und schneller entfernt werden [10,11,20] (Abb. 3 und 4, oben). Das heißt, dass wir generell zuerst den supra- und subgingivalen Biofilm (Infektionsursache) mit „Air-Polishing“ mit niedrigabrasiven Pulvern (Air-Flow-Plus) entfernen und uns mit dieser Änderung des Ablaufprotokolls deutlich von der klassischen Vorgehensweise absetzen.

Nicht nur im Ablauf, sondern auch beim Einsatz der verwendeten Hilfsmittel unterscheidet sich unser modernes Protokoll deutlich von den klassischen Hilfsmitteln. Es steht heute fest, dass das moderne Biofilmmanagement mit niedrigabrasiven Pulvern der klassischen Vorgehensweise bei allen wichtigen klinischen Parametern (Effektivität, Bakterienreduktion, Bakterienrekonolisation, Gewebeschonung, Fibroblastenattachment, Behandler- und Patientenkomfort) überlegen ist [12,13,14,15,16,24,25,26].

Danach können die jetzt deutlich sichtbaren harten supra- und subgingvalen Ablagerungen gezielt mit Ultraschall entfernt werden [19,26,28].

Die Qualitätskontrolle beinhaltet zum einen die Kontrolle der durchgeführten Reinigung (erneutes Anfärben, Tastsonde) durch die Mitarbeiterin und den Zahnarzt. Zum anderen führt der Zahnarzt jetzt die Hartgewebsdiagnostik durch. Er ist auch für die gingivale und parodontale Diagnose durch die Auswertung der gesammelten Befundunterlagen verantwortlich

Danach erfolgt die chemische unterstützende Therapie, die in der Regel aus einer Fluoridierung besteht. Die Diagnosen und die Compliance sind die Grundlage für die Prognose, die wiederum das individuelle, risikoorientierte Recall-Intervall bestimmen. Der Termin für die neue GBT wird immer sofort vereinbart (Abb. 5).

Fazit aus der Praxis: Die klassische Recallstunde (PZR) nach Axelsson und Lindhe mit Handinstrumenten und klassischer Politur muss entsprechend der neuesten Literatur und dem technologischen Fortschritt modifiziert und angepasst werden. Wir sind heute im Rahmen der systematischen GBT in der Lage, die „aktiven Interventionen“ (professionelles Biofilmmanagement) effektiv, Substanz schonend, ohne Schmerzen, sicher, schnell und komfortabel durchzuführen.

Die Vorteile dieser Vorgehensweise lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Qualitätsgesichertes, wissenschaftlich basiertes Biofilmmanagement
  • Substanzschonung aller natürlichen Zahnhart- und Weichgewebe mit Abnahme von Hypersensibilitäten
  • bessere Infektionskontrolle durch primäre Entfernung des Biofilms
  • besseres Sichtbarmachen der harten Ablagerungen und gezieltes Entfernen der harten Ablagerungen
  • reduzierte Behandlungszeit
  • reduzierte Arbeitsbelastung für Mitarbeiter
  • maximaler Patientenkomfort

Wir wissen, dass unsere GBT einen hohen Anspruch sowohl an unser Team als auch unsere Patienten stellt. Wir wissen aber auch, dass wir mit unserer systematischen GBT einen wesentlichen Beitrag für die Zahngesundheit und damit die Allgemeingesundheit unserer Patienten leisten und dass wir uns mit dieser qualitätsorientierten Prophylaxe weit außerhalb der Kritik „PZR, alles nur Abzocke?“ und „Auch Profis sind nicht gründlich“ bewegen.

Es ist an der Zeit, die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse und den technischen Fortschritt zum Wohle unserer Patienten in den Praxisalltag zu integrieren.

 

Ein Literaturverzeichnis kann in der DZW-Redaktion unter leserservice@dzw.de angefordert werden.

Dr. Nadine Strafela-Bastendorf

Dr. Nadine Strafela-Bastendorf

Dr. Nadine Strafela-Bastendorf, Jahrgang, 1976, absolvierte nach der Ausbildung zur Zahntechnikerin ein zahnmedizinisches Studium an der Universität Ulm und erlangte ihre Approbation 2006. Nach ihrer Zeit als Ausbildungsassistentin am ZFZ Stuttgart bei Prof. J. Einwag arbeitete sie von 2008 bis 2013 als angestellte Zahnärztin in der Praxis Dr. Bastendorf, die sie im Dezember 2013 übernahm.

Dr. Klaus-Dieter Bastendorf

Dr. Klaus-Dieter Bastendorf

Dr. Klaus-Dieter Bastendorf studierte in Tübingen Zahnmedizin und promovierte 1978. Seit 1979 arbeitete er in seiner eigenen Praxis, seit 2014 ist er in der Praxis Dr. Strafela-Bastendorf zuständig für die Prophylaxe, präventive Zahnheilkunde, Integration der Individualprophylaxe in die tägliche Praxis, Untersuchungen über die fachliche und wirtschaftliche Effektivität der Prävention in der Allgemeinpraxis. Bastendorf ist ein gefragter Referent und Autor zahlreicher Publikationen und Veröffentlichungen, darunter „Der einfache und effektive Wege zur Prophylaxepraxis“. Von 1980 bis 2000 arbeitete er als Gutachter für Prothetik, von 2002 bis 2006 hatte er einen Lehrauftrag an der Uni Heidelberg für angewandte Prophylaxe.

Kontakt zu den Autoren unter E-Mail info@bastendorf.de