Retentionsschienen empfohlen

Hohes Risiko für fehlende Approximalkontakte bei Implantatkronen

Für eilige Leser

  • Studien zeigen, dass bei bis zu 58 Prozent aller implantatgetragenen Kronen approximale Kontakte fehlen (überwiegend mesial).
  • Als Ursachen werden fortgesetztes Kieferwachstum bei stabiler Implantatposition, funktionelle Kräfte und prothetische Faktoren vermutet.
  • Patienten sollten über das Risiko und mögliche Folgen aufgeklärt werden.
  • Präventiv können orthodontische Retentionsschienen verwendet werden.

Offene Approximalkontakte können bei implantatgetragenen Restaurationen infolge von Nahrungsmittel-Impaktion Entzündungen verursachen. In einer retrospektiven Studie wurde bei 92 von 174 implantatgetragenen Kronen (128 Patienten) ein fehlender Kontakt zu einem benachbarten natürlichen Zahn festgestellt [1].

Ein Kontaktpunkt galt als offen, wenn 0,07-mm-Zahnseide ohne Widerstand durchgeführt werden konnte. Die offenen Kontakte waren mesial (78,2 Prozent) signifikant häufiger als distal. Sie traten innerhalb von wenigen Monaten oder erst nach Jahren auf. Ein Anteil von 40 Prozent der Patienten hatte das Problem und die resultierende Nahrungsmittel-Impaktion erkannt.

Guter Kontakt ist wichtig: Bei Implantatkronen geht der Kontakt zum Nachbarzahn in vielen Fällen verloren und gefährdet unter anderem die periimplantäre Gesundheit.

Guter Kontakt ist wichtig: Bei Implantatkronen geht der Kontakt zum Nachbarzahn in vielen Fällen verloren und gefährdet unter anderem die periimplantäre Gesundheit.

Vielfältige Ursachen

Die Ursachen können laut Autoren vielfältig und die Entstehung multifaktoriell sein. Eine wichtige Rolle könnte spielen, dass Implantate bei fortgesetztem Kieferwachstum oder Zahneruption ankylotisch in ihrer Position verharren. Individuell setzen sich Wachstumsvorgänge bis weit in das Erwachsenenalter fort [2]. Folgen sind veränderte Zahnpositionen, die sekundär zu einer Infraposition des Implantats mit veränderter okklusaler und approximaler Kontaktbeziehung führen.

Weiterhin kommt ätiologisch eine ganze Reihe prothetischer Faktoren in Betracht. Dazu gehören individuell erhöhte funktionelle Kräfte, die Qualität der approximalen Kontakte bei der Eingliederung und Unterschiede in der Implantat-Hardware. So können, vor allem bei Konusverbindungen ohne Höhenanschlag, größere vertikale Abweichungen von der physiologischen Kontaktebene auftreten [3].

Klinische Konsequenzen

Das Risiko für offene Kontaktpunkte zwischen implantatgetragenen Kronen und natürlichen Zähnen ist mit 43 bis knapp 58 Prozent sehr hoch. Entsprechend sollten Patienten über das Problem und seinen möglichen Folgen aufgeklärt werden [1]. Vorbeugend werden Kronen besser verschraubt, um bei auftretenden Problemen leichter korrigieren zu können. Andererseits könnten rotatorische Fehlpassungen infolge Verschraubung schon primär zu ungünstigen Kontakten führen.

Retentionsschienen aus Kunststoff

Wenn Kronen zementiert werden, sollte eine Kerbe eingearbeitet werden, die eine leichtere Entfernbarkeit ermöglicht („Whitehead box“, für Deutschland: Kerbe nach Neuendorff). Jederzeit kopierbare CAD/CAM-Kronen aus leicht zu reparierenden Komposit- oder Hybridmaterialien könnten Vorteile gegenüber konventionellen Voll- oder Metallkeramik-Kronen haben – unabhängig von der Befestigungsart (Anm. d. Autors).

Als weitere präventive Maßnahme empfehlen die Autoren der besprochenen Studie das Tragen von Retentionsschienen aus Kunststoff, wie sie in der Kieferorthopädie und Orthodontie eingesetzt werden. Ob diese nur nachts oder auch tagsüber getragen werden sollten, wird nicht erwähnt. In jedem Fall scheinen – auch bei scheinbar unproblematischen implantatgetragenen Kronen – sorgfältige Planung und zuverlässiges Recall ratsam.


Literatur

[1] Varthis S, Randi A, Tarnow DP. Prevalence of Interproximal Open Contacts Between Single-Implant Restorations and Adjacent Teeth. Int J Oral Maxillofac Implants 2016;31:1089-1092.
[2] Nelson K, Zabler S, Wiest W, Schmelzeisen R, Semper-Hogg W. Die Implantat-Aufbau-Verbindung. Implantologie 2013;21:355-363.
[3] Jemt T. Measurements of tooth movements in relation to single-implant restorations during 16 years: a case report. Clin Implant Dent Relat Res 2005;7:200-208.


Hinweis
Beiträge in der Rubrik ZahnMedizin kompakt können in keinem Fall die klinische Einschätzung des Lesers ersetzen. Sie sind keine Behandlungsempfehlung, sondern sollen – auf der Basis aktueller Literatur – die eigenverantwortliche Entscheidungsfindung unterstützen.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).