Zahnmedizin

Mundschleimhaut im Visier

„Chef, das sieht so komisch aus!?“

Zum Thema Mundschleimhauterkrankungen referierten beim diesjährigen Deutschen Zahnärztetag OÄ Dr. Oksana Petruchin (rechts) und Dr. OÄ Karina Obreja.
Spillner

Zum Thema Mundschleimhauterkrankungen referierten beim diesjährigen Deutschen Zahnärztetag OÄ Dr. Oksana Petruchin (rechts) und Dr. OÄ Karina Obreja.

„Chef, das sieht so komisch aus!?“ – Bei einer Begutachtung der Mundhöhle ist höchste Vorsicht geboten. Gutartige von bösartigen Veränderungen zu unterscheiden fällt nicht immer leicht, zumal die High-Risk-Zonen für den Behandler nicht einfach zu erreichen sind.

„Bei einer zahnärztlichen Untersuchung sollte man sich nicht nur auf die Zähne stürzen, sondern auch die komplette Mundschleimhaut im Uhrzeigersinn anschauen und den Lymphknotenstatus abfragen“, appellierte Dr. Karina Obreja an die Teilnehmer des interaktiven Workshops, den sie zusammen mit Dr. Oksana Petruchin beim Deutschen Zahnärztetag leitete. Ziel war es, das Praxisteam für die Krebsprävention im Kopf-Hals-Bereich zu sensibilisieren. Denn: „Wer pathologische Stellen bei der Prophylaxe erkennt, kann Leben retten“, betonten die beiden am Zentrum der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZZMK Carolinum) der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main (Poliklinik für Zahnärztliche Chirurgie und Implantologie) tätigen Oralchirurginnen.

„Je weiter hinten, desto gefährlicher“, laute die Faustregel bei der Mundschleimhautinspektion. Die meisten Primärtumore werden dabei im Mundboden (36 Prozent), im Zungenbereich (21 Prozent) sowie in der Wangenschleimhaut (15 Prozent) lokalisiert. „Da erst fortgeschrittene Tumore schmerzhaft sind, nehmen die meisten Patienten Veränderungen in der Mundhöhle nicht wahr“, so Obreja und ergänzt: „Man kann oftmals schon am süßlichen Mundgeruch erkennen, dass etwas nicht stimmt.“ Die beiden Oberärztinnen haben im Auftrag der Frankfurter Poliklinik einen Dokumentationsbogen vorgestellt, der in der Mundschleimhautsprechstunde helfen soll, Gefahren zu erkennen.

Risikofaktoren

Der Konsum hochprozentiger Alkoholsorten in Verbindung mit dem Rauchen sei dabei besonders gefährlich, da der Alkohol die Mundschleimhaut weicher und durchlässiger für Giftstoffe macht, die im Tabak enthalten sind. Weitere Risikofaktoren seien aber auch schlechte Mundhygiene, Allgemeinerkrankungen, Einnahme bestimm­er Medikamente sowie falsche Ernährung und fortgeschrittenes Alter. Nachgewiesen sei zudem der Zusammenhang zwischen Tumoren und einer Infektion mit dem Humanen Papillomavirus. „Leider weiß man nicht, dass man den Virus in sich trägt“, sagte Petruchin, die am Carolinum die Mundschleimhautsprechstunde leitet. Ein Test kann helfen, herauszufinden, ob ein Tumor im Kopf-Mund-Bereich und gleichzeitig auch im Genitalbereich vorhanden ist. Der Test sei zuverlässig und schlage lediglich bei (jungen) Frauen nicht an, die bereits gegen den Gebärmutterhalskrebs geimpft sind, fügte die Oralchirurgin hinzu.

Diagnostik

„Die Mundschleimhautdiagnostik ist sehr zeitaufwendig und nicht lukrativ, und dennoch hängt von ihr das Leben vieler Patienten ab“, so Petruchin, die seit drei Jahren die Mundschleimhautsprechstunde leitet. Diagnostik könne unter Umständen an dafür qualifiziertes Prophylaxe-Personal mit abgeschlossener Ausbildung delegiert werden. Ob Zahnmedizinische Fachangestellte, weitergebildete Zahnarzthelferin, Prophylaxehelferin, Dental-Hygienikerin oder der Zahnarzt selbst – für Praktiker sei es wichtig, harmlose Auffälligkeiten wie Aphten, Verletzungen und Verbrennungen, Druckstellen durch Prothesen sowie Pilzerkrankungen von Veränderungen zu unterscheiden, die potenziell bösartig werden können (Leukoplakie, Oraler Lichen planus) und solchen, die tatsächlich entartete Zellen enthalten. Veränderungen können hormonell oder krankheitsbedingt sein (Scharlach, Leberzirrhose).

Eine trockene, brennende Pökelzunge tritt beispielsweise häufig bei Diabetes, eine rote glatte Zunge bei chronischer Eisenmangelanämie auf. „Beim Verdacht auf bösartige Erkrankungen ist in jedem Fall Fingerspitzengefühl dem Patienten gegenüber das oberste Gebot“, betonte Obreja. „Immer wenn es systemischer wird, sollte auch außerzahnärztlich behandelt werden“, ergänzte sie. Überweisung an Spezialisten sollte bei unklaren und therapieresistenten Befunden sowie systemischen Erkrankungen mit oralen Symptomen erfolgen. Der Patient sollte für die Mundschleimhautsprechstunde eine Überweisung mit explizierter Fragestellung sowie vorhandene Röntgenbilder und vorliegende Pathobefunde mitbringen. Kontakt und weitere Informationen finden Sie hier.