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„Lepra geht uns alle an“

Ein von der Lepra gezeichneter alter Mann.

Ein von der Lepra gezeichneter alter Mann im Lepradorf. Dass er trotzdem lächelt, ist nicht unüblich in China, denn „das Gesicht zu wahren“, egal wie es dem Menschen geht, ist Teil der Mentaliät.

Am 27. Januar 2019 ist Welt-Lepra-Tag. Der in rund 130 Ländern zelebrierte Gedenktag macht jedes Jahr, immer am letzten Sonntag des Januars in Gedenken an den Todestag von Mahatma Gandhi, auf das Leid von Lepra betroffenen Menschen aufmerksam. Er wurde 1954 von dem französischen Journalisten Raoul Follereau ins Leben gerufen, der auch als „Apostel der Leprakranken“ bekannt geworden ist. Nachdem er in den 40er-Jahren das traurige Schicksal von Leprakranken an der Elfenbeinküste gesehen hatte, widmete er sein Leben der Bekämpfung der Krankheit. Auch den Göttinger Zahnarzt Carl Heinz Bartels ließen die Bilder von seinen Reisen in die Lepragebiete Südostasiens nicht mehr los. Er gründete 1981 die „Patenschaft Niedersächsischer Zahnärzte für Lepragebiete“ – den Vorläufer der Stiftung Hilfswerk Deutscher Zahnärzte (HDZ). Bis heute ist die Lepra-Hilfe eines der Haupttätigkeitsfelder des HDZ neben (zahn-)medizinischer Versorgung, Bildungs- sowie sozialen Projekten und Nothilfen. Alleine im vergangenen Jahr flossen rund 52.000 Euro an Spendengeldern in Lepra-Hilfsprojekte in China, Indien, Madagaskar und Vietnam.

Das Lepradorf Guangdong

Das Lepradorf Guangdong liegt in der gleichnamigen Provinz Guangdong im Süden Chinas. In der reichsten Provinz der Volksrepublik wird ein großer Teil der Produkte hergestellt, die von China aus nach Deutschland exportiert werden - von Plastikspielzeug bis Präzisionsmaschinen. Die Leprakranken profitieren davon nicht.

Dass die Lepra-Hilfe heute noch genauso wichtig ist wie zu Zeiten der Stiftungsgründung vor 30 Jahren, davon ist der stellvertretende Vorsteher, Dr. Klaus Winter, fest überzeugt: „Die Krankheit stellt in vielen Ländern dieser Welt nach wie vor ein ernstzunehmendes Problem dar“, sagt er. Eine Schutzimpfung gegen das für die Infektion verantwortliche „Mycobacterium leprae“ wurde bisher nicht gefunden, dennoch ist die Krankheit im Frühstadium heilbar. Wer mit dem Cocktail aus verschiedenen Antibiotika – der „Multi-Drug-Therapie“ – behandelt werden konnte, ist nicht mehr ansteckend und zählt fachsprachlich zu den „ausgebrannten Fällen“. Viele Menschen in den Elendsvierteln der Welt haben jedoch keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und nehmen die weiten, beschwerlichen Wege ins nächste Krankenhaus erst auf sich, wenn die Krankheit schon weit fortgeschritten ist.
Wie genau sich Menschen mit Lepra infizieren, ist noch immer nicht sicher geklärt. Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) lange Zeit die Berührung von Erkrankten als Übertragungsweg annahm, geht sie inzwischen eher von einer Tröpfcheninfektion aus, wie bei einer Grippe, wobei ein einmaliger Kontakt zu einem Infizierten nicht ausreicht. Bis zum Ausbruch der Krankheit können Monate oder Jahre vergehen: „Meist liegt die Inkubationszeit bei vier bis fünf Jahren, beschrieben sind jedoch auch Krankheitsfälle mit einer rund 30-jährigen Inkubationsdauer“, erklärt Klaus Winter.

Dr. Klaus Winter, stellvertretende Vorsteher des HDZ, besucht einen ehemaligen Lepra-Kranken.

Dr. Klaus Winter, stellvertretende Vorsteher des HDZ, besucht einen ehemaligen Lepra-Kranken.

Diejenigen, die unbehandelt bleiben, sind für ihr Leben gezeichnet: Ganze Gliedmaßen sterben ab, Tastsinn und Schmerzgefühl an den betroffenen Körperregionen verschwinden, der Erreger zerfrisst buchstäblich Haut, Muskeln und Nervenzellen, das Fleisch verfault am lebendigen Leib, sodass die zurückbleibenden Knochen vom Arzt abgetrennt werden müssen. Nicht selten büßen die Patienten auch ihr Augenlicht ein.
„Neben den körperlichen Qualen leiden die Kranken auch seelisch, da die Krankheit immer noch mit großem Stigma verbunden ist“, sagt Dr. Winter. „Sie gelten als Aussätzige, werden von ihrem Umfeld gemieden, geschnitten und häufig von den Familien verstoßen. Sogar die gesunden Kinder von Leprakranken sind von den Ausgrenzungen betroffen.“ Die Früherkennung von Lepra-Patienten ist daher eines der Hauptziele bei den Lepra-Projekten, die das HDZ unterstützt. „Ich erinnere mich noch gut an meinen letzten Besuch in den ländlichen Gebieten um Mumbai, der eine große Herausforderung für mich und die MitarbeiterInnen des Bombay Leporosy Projects (BLP) war“, erzählt Winter. „Wir waren an mehreren Tagen jeweils mehr als zwölf Stunden bei extremen Klimabedingungen in abgelegenen Gebieten unterwegs. Land- oder Straßenkarten gab es nicht. Lediglich auf den von Hand gezeichneten Karten waren die Unterkünfte von möglichen Lepra-Patienten markiert. Freiwillige Helfer – meist selbst ehemalige Lepröse – waren zuvor von Haus zu Haus gegangen, hatten die Bewohner nach Neuerkrankungen befragt und ,Verdächtige‘ an das BLP gemeldet“, so Winter. „Diese hätten aufgrund des fehlenden Zugangs zu medizinischer Versorgung vermutlich niemals aus eigenem Antrieb einen Arzt aufgesucht.“
Besuche dieser Art sind wichtig, denn sie dienen der Sicherung der Lepra-Diagnose im Frühstadium, nach der die Einleitung der „Multi-Drug-Therapie“ dann möglichst schnell erfolgen muss. „Falls die Spätfolgen der Lepra bereits eingetreten sind, unterstützen wir unsere Partnerorganisationen vor Ort bei der medizinischen Versorgung der Patienten, richten Prothesenwerkstätten ein oder kümmern uns um die Ausbildung der Kinder betroffener Familien“, erläutert Winter. „Insofern leistet das HDZ sowohl körperliche als auch seelische Hilfe.“

Und wie sieht es mit der internationalen Lepra-Hilfe aus? Die WHO hat der Krankheit bereits 1999 den Kampf angesagt und Aktionsprogramme ins Leben gerufen, mit denen Lepra weltweit ausgerottet werden sollte. Gelungen ist dies nicht. Auch wenn die Zahl der Neuerkrankungen laut WHO seit den 80er-Jahren stetig zurückgegangen ist und sich Ende 2017 „nur“ noch auf rund 200.000 belief – was alle zwei Minuten eine Neuinfektion bedeutet –, ist die Dunkelziffer an Neu- und Wieder-Erkrankungen hoch. In den Armutsvierteln dieser Welt sucht sich der heimtückische Erreger daher weitere Opfer. Die Hälfte aller Neuerkrankungen gab es in Indien, stark betroffen sind ebenfalls Angola, Brasilien, Kongo, Äthiopien, Guinea, Indonesien, Madagaskar, Mosambik, Birma, Nepal und der Niger. Aber auch in Ländern Europas, etwa Rumänien, gibt es Leprakranke. „Lepra geht uns daher alle an“, sagt Dr. Winter.

www.stiftung-hdz.de


Yvonne Schubert, Nordstrand