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Der Kommentar

Bruxismus: Ursache und Wirkung

Von Chefredakteur Marc Oliver Pick
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Von Chefredakteur Marc Oliver Pick

Liebe Leserinnen und Leser,

jetzt haben Sie es schwarz auf weiß: Zähneknirschen ist keine Krankheit! So lautet eine der Kernaussagen der in der vergangenen Woche in Berlin vorgestellten S3-Leitlinie zum Thema Bruxismus.

Sollten Sie sich also wieder einmal über Bürokratielast in der Praxis ärgern, Herrn Spahn wegen irgendwelcher neuen Pläne auf den Mond wünschen, vor Wut wegen des x-ten Schreibens eines unwilligen Kostenerstatters am liebsten unter die Decke gingen – Sie können mit den Zähnen knirschen, was das Zeug hält. Als Fachmann oder Fachfrau wissen Sie im Zweifel, wie Sie Ihre Zähne, Ihr Kiefergelenk oder Ihre Kaumuskulatur mit geeigneten Hilfsmitteln schützen können.

Aber Spaß beiseite, das Phänomen Bruxismus kommt nicht ohne Nebenwirkungen daher. Bruxieren kann je nach Ausprägung erhebliche Nebenwirkungen auf den gesamten Kauapparat haben: Abrasionen, gesplitterte Zahnhartsubstanz, schmerzende Kiefergelenke und Kaumuskeln bis hin zu zerstörter Prothetik. Deshalb ist der Schutz der genannten oralen Strukturen inklusive der Reduktion von Schmerzen das vorrangige Ziel jeglicher therapeutischer Bemühungen, hieß es aus Berlin.

Aber, und das ist einer der interessanten Aspekte der neuen Leitlinie, es wird in Fachkreisen auch diskutiert, dass Bruxismus – trotz der oben genannten un­ange­nehmen Begleiterscheinungen – in Maßen auch gesundheitsförderlich sein kann. Bekanntestes Beispiel: Zähneknirschen als Ventil, um Anspannung und Stress abzumildern, dramatischere Folgen wie etwa ein Magengeschwür oder schwerwiegendere psychische Auswirkungen zu vermeiden – Probleme werden „weggeknirscht“, größeres Übel wird durch ein „kleineres“ vermieden oder zumindest abgemildert.
 

Ein weiteres, vielleicht weniger bekanntes Beispiel für einen positiven Effekt auf die Gesundheit: Bruxismus kann helfen, die Folgen von Reflux im wahrsten Sinne des Wortes abzupuffern, weil Zähneknirschen mit einer erhöhten Speichelproduktion ein­hergeht. Die entstehende zusätzliche ­Speichelmenge puffert die aufsteigende ­Magensäure bis zu einem gewissen Grad ab und verhindert Schlimmeres. Man knirscht also mit den Zähnen, um die ­Zähne (und das Zahnfleisch) vor weitaus größeren Schäden zu schützen.

Die in Berlin präsentierte S3-Leitlinie und die darin verarbeiteten Erkenntnisse demonstrieren einmal mehr, wie komplex die Zusammenhänge in unserem Körper sind. Deshalb kann man der Aussage „Zähneknirschen ist keine Krankheit“ wohl nur zustimmen und Bruxismus als das einordnen, was es ist: ein Symptom für Probleme, die an ganz anderer Stelle entstehen. Wenn das aber so ist, dann wundert man sich über die Aussage, dass „gegenwärtig keine Therapie zur Heilung oder zur Beseitigung von Bruxismus“ bekannt sei. Warum auch, wenn klar ist, dass es sich um ein Symptom mit zwar durchaus negativen, aber eben auch in gewissem Maße positiven Effekten handelt. Es gibt bewährte therapeutische Ansätze, Zähne, Kaumuskulatur und Kiefergelenk zu schützen. Die Ursachen für Bruxismus sind es, die es zu beseitigen gilt, und nicht den Bruxismus als solchen. Der Zahnarzt spielt also in mehrfacher Hinsicht eine zentrale Rolle.

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