IAAID-Tagung (2)

Gedruckte Dentinkerne und retentionsfreie KfO

3D-Darstellung Schädelknochen

Auf der IAAID-Tagung wurde deutlich, warum ohne Funktion jede Therapie im Zahn-, Mund- und Kieferbereich Stückwerk bleiben muss.

Für den Großteil zahnärztlicher Praxen dürften neue Möglichkeiten relevant werden, CAD/CAM-Restaurationen preisgünstig und zugleich ästhetisch zu erstellen. Zahntechnikermeister Josef Schweiger (Ludwig-Maximilians-Universität München) präsentierte den aktuellen Stand der Dentinkerntechnologie, bei der der natürliche Schichtaufbau des Zahns nachgeahmt wird [1].

Entscheidend für eine natürliche Ästhetik ist laut Schweiger die Grenzschicht zwischen Schmelz und Dentin. Mithilfe eingescannter extrahierter Zähne wird aktuell eine Datenbank aufgebaut, mit der sich die Größe von Dentinkernen auf der Basis einer gegebenen Zahnoberfläche errechnen lässt (Dental Designer).

ZTM Josef Schweiger, Professor Daniel Edelhoff, Dr. Markus Greven

Starkes Team: ZTM Josef Schweiger und Professor Daniel Edelhoff von der LMU München sowie IAAID-(ICOM)-Präsident Dr. Markus Greven (von links)

3-D-gedruckt und definitiv noch mit Hindernissen

Die mit Glaskeramiken in Verbindung mit CAD/CAM erreichbare Ästhetik ist bereits sehr überzeugend. Werden die von Schweiger vorgestellten Methoden mit Okklusalflächen-Biogenerik (Cerec, Dentsply Sirona) verknüpft, sollten aber mit digitalen Methoden hergestellte, ästhetisch und funktionell gelungene Restaurationen – auch in der Front – bald umsetzbar sein.

Beim ebenfalls möglichen 3-D-Druck bleibt offenbar noch viel Entwicklungsbedarf. Zirkonoxid lässt sich laut Schweiger zwar grundsätzlich drucken. Für definitive Materialien gibt es aber noch viele Probleme, unter anderem  in Bezug auf MPG-Zulassung. Schon heute lassen sich zum Beispiel Mock-ups für die Einprobe im Mund drucken.

Weniger präparieren

Professor Daniel Edelhoff, ein weiteres Mitglied des Münchner Teams, stellte sein Konzept zum Ersatz erosiv, abrasiv oder attritiv verloren gegangener Zahnsubstanz vor. Vorhandene Zahnsubstanz sollte mit entsprechender Präparationstechnik so weit wie möglich erhalten bleiben [2]. Mithilfe digitaler Techniken baut Edelhoff auch okklusale Flächen adhäsiv mit Glaskeramik-, Hybrid- oder Polymermaterialien auf.

Wenn notwendig erhöht er dabei die vertikale Relation – bei temporärem und damit reversiblem Vorgehen – in einem Schritt um bis zu 6,5 Millimeter. Als herausnehmbare Schienenlösung zum Austesten von Relation und Funktion empfiehlt Edelhoff anstelle von PMMA ästhetisch sehr ansprechende aufsteckbare Restaurations-„Schienen“ aus Polykarbonat (Zirkonzahn). Diese seien durch ihre Flexibiltät auch für Bruxer geeignet [3].

Professor Sadao Sato am Rednerpult

„Bruxismus ist physiologisch, Kieferorthopädie muss die Okklusion berücksichtigen“: Professor Sadao Sato aus Japan ist zusammen mit Professor Rudolf Slavicek und weiteren Experten zentrale Säule der Vienna School of Interdisciplinary Dentistry.

Kieferorthopädie jetzt funktionsgerecht

Für Professor Sadao Sato (Kanagawa-Universität, Japan) ist Bruxismus physiologisches Stress-Management. Als Folge von Bruxen werden nach zahlreichen Studien über das limbische System pathologische Risiken gesenkt, unter anderem für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs. Unabhängig davon könne eine geeignete orthodontisch-restaurative Behandlung Interferenzen beseitigen und die Auswirkungen von Knirschaktivitäten mildern.

Orthodontische und skelettale Behandlungschritte

In Bezug auf eine gnathologisch ausgerichtete Kieferorthopädie (ortho-gnatho-dontics) betont Sato einerseits, dass ein zu steiler Neigungswinkel der Oberkiefer-Eckzähne die Crowding-Gefahr in der Unterkieferfront erhöht. Orthodontische und skelettale Behandlungschritte umfassen eine exakt winkelbezogene Aufrichtung des bukkalen Segments, eine (horizontalere) Orientierung der Okklusionsebene und die Korrektur der sagittalen mandibulären Position.

Schließlich müsse für stabile Ergebnisse auch die Okklusion korrekt eingestellt sein, wofür Sato das digital basierte Planungs- und Therapiesystem SureSmile (Orametrix) nutzt. Die gesamte Behandlung könne in nur einem Jahr bewältigt werden. Eine Retention sei allenfalls sehr kurzzeitig notwendig. Digitale Setups seien jedoch in Bezug auf intermaxilläre Distanzen und Zahnbogenlängen noch nicht präzise.

IAAID wird ICOM – stomatognathe Funktion als Teil der Medizin

Die International Academy of Advanced Interdiscplinary Dentistry (IAAID) wurde 2006 von weltweit tätigen Zahnärzten gegründet, die die Vienna School of Interdisciplinary Dentistry (VieSID) absolviert haben. Gemeinsame Basis ist die systemisch orientierte Funktionslehre von Professor Dr. Rudolf Slavicek (Wien). Die bisher separat agierenden asiatischen und europäischen Sektionen werden zukünftig unter der Bezeichnung International Conference of Occlusion Medicine ICOM gemeinsam auftreten (occlusionmedicine.com). „Medicine“ soll zeigen, dass funktionsorientierte Zahnmedizin integraler Teil der Medizin ist. Die nächste internationale Tagung findet im März 2017 in Japan statt.

Ergebnis auch lingual kontrollieren

Satos Praxispartner Dr. Bas Wafelbakker (Gilroy, USA), der das System gemeinsam mi Sato entwickelt hat, zeigte Patientenbeispiele und betonte die Bedeutung einer stabilen, funktionell korrekten Zahnstellung für die Retention. Das Resultat müsse auch lingual kontrolliert werden. Eine bukkale Ästhetik reiche nicht aus, sondern sei eher ein Nebeneffekt korrekter funktioneller Einstellung. Wafelbakker arbeitet bereits in einer frühen Phase mit SureSmile, vermisst aber noch eine dynamische Komponente, mit der auch die Funktion simulierbar ist.

Ohne Funktion ist alles nichts

Wafelbakker gab zu bedenken, dass orthodontische Bewegungen langsamer sind und eine leichtere Anpassung erlauben als plötzliche prothetische Veränderungen. In dieselbe Richtung hatte zuvor Edelhoff argumentiert, der für CAD/CAM-basierte Erhöhungen der vertikalen Dimension stufenweise Anpassungen von Schienen oder temporären Restaurationen ähnlich wie bei orthodontischen Alignern andachte.

Fazit: Die Münchner Tagung berücksichtigte ein großes thematisches Spektrum von Orthopädie und Kieferorthopädie und -chirurgie über instrumentelle Diagnostik bis hin zu CAD/CAM-Restaurationen. Zugleich wurde deutlich, wie alle Teilgebiete zusammenhängen und warum ohne Funktion jede Therapie im Zahn-, Mund- und Kieferbereich Stückwerk bleiben muss. Es ist zu wünschen, dass sich diese Erkenntnis weiter verbreitet als bisher.

Literatur
[1] Schweiger J, Edelhoff D, Stimmelmayr M, Güth JF, Beuer F. Automatisierte Fertigung von mehrschichtigem Frontzahnersatz mithilfe digitaler Dentinkerne. Quintessenz Zahntech 2014;40:1248-1266.
[2] Edelhoff D, Liebermann A, Beuer F, Stimmelmayr M, Guth JF. Minimally invasive treatment options in fixed prosthodontics. Quintessence Int 2016;47:207-216.
[3] Edelhoff D, Schweiger J, Prandtner O, Trimpl J, Stimmelmayr M, Güth JF. CAD/CAM-Schienen zur funktionellen und ästhetischen Evaluierung neu definierter Bisshöhen. Quintessenz 2016:1195-1209.


Hinweis
Beiträge in der Rubrik ZahnMedizin kompakt können in keinem Fall die klinische Einschätzung des Lesers ersetzen. Sie sind keine Behandlungsempfehlung, sondern sollen – auf der Basis aktueller Literatur – die eigenverantwortliche Entscheidungsfindung unterstützen.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).