ZahnMedizin kompakt

Januar 2019

Neues aus der Forschung

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Jeden Monat erscheinen auf dem Gebiet der Zahn- und oralen Medizin viele Hundert wissenschaftliche Artikel. Hier eine kleine Auswahl, diesmal zu den Themen Pulpitis nach Restaurationen, hybride Zahn-Implantat-Versorgungen, Schmerzen nach Narkosebehandlung bei Kindern und Funktions-Kieferorthopädie.

Erhöhtes Risiko für irreversible Pulpitis

Bei 330 Zähnen, die wegen Pulpitis eine Wurzelbehandlung oder Extraktion erforderten, wurden die jeweils verwendeten Restaurationstypen verglichen [1]. In der retrospektiven Studie einer australischen Universität wurden dafür die Behandlungsdokumentationen ausgewertet. Restaurationstypen waren direkte Komposit-, Amalgam- und Glasionomerzement-Füllungen unterschiedlicher Größe und Vollkronen.

Der mittlere Zeitraum bis zur pulpitisbedingten Therapie betrug 330 Tage nach Restauration (fünf Tage bis ca. fünf Jahre). Wenig überraschend waren überkronte Zähne und solche mit fünfflächigen Füllungen am häufigsten betroffen. Bei den Zahntypen waren es Frontzähne und Prämolaren. Auch Glasionomerzemente in fünfflächigen Defekten hatten ein signifikant erhöhtes Risiko. Mit der Einschränkung einer begrenzten statistischen Power lässt sich folgern, dass Glasionomerzemente trotz Fluoridfreisetzung häufiger zu Frakturen oder Randundichtigkeiten und nachfolgender Infektion der Pulpa führen. Die Ergebnisse können nicht direkt auf weiterentwickelte glasionomerbasierte Materialien übertragen werden. Sie passen aber zu einer groß angelegten Studienauswertung, die für Glasionomerzementfüllungen ein erhöhtes Versagensrisiko und entsprechend ausbleibende Kosteneffektivität zeigte [2].

 „Hybride“ implantatgetragene Prothetik erfolgreich

In einem Beitrag der US-amerikanischen Online-Plattform Dentaltown plädiert der renommierte Zahnarzt Dr. Gordon Christensen (CR Foundation) dafür, Zähne und Implantate prothetisch zu verbinden [3]. Grundsätzlich seien Implantate im Vergleich zu natürlichen Zähnen nicht als gleichwertig anzusehen. Müssten jedoch Zähne extrahiert und Implantatversorgungen geplant werden, sollten noch vorhandene Zähne einbezogen werden. Infrage kämen als Brückenpfeiler aber nur stabil im Knochen verankerte Zähne.

Als Material für hybride Brücken ist laut Christensen Metallkeramik erste Wahl. Pfeilerzähne und Implantat-Abutments müssten hochgradig retentiv präpariert werden, temporäre Zemente seien zu vermeiden. Zwei systematische Übersichtsarbeiten bestätigen Christensens Empfehlung. Demnach scheinen einerseits festsitzende hybride Versorgungen abnehmbaren überlegen zu sein [4]. Andererseits ist eine hybride Doppelkronen-Versorgung nach aktueller Studienlage ebenso erfolgreich wie eine rein implantatgetragene [5]. Problematisch sei prinzipiell eine mögliche Intrusion der einbezogenen Zähne, vermutlich durch erhöhte Kaulast auf den Implantatpfeilern [4].

Vier von fünf Kindern haben nach Narkosebehandlung Schmerzen

In einer prospektiv angelegten Studie untersuchten Zahnmediziner an einer taiwanesischen Universität postoperative Schmerzen und Blutungen nach umfangreicher Gebiss-Sanierung von 56 Kleinkindern in Vollnarkose [6]. Durchschnittlich wurden 14 Zähne behandelt. Im Rahmen der Behandlung erhielten die Kinder keine Schmerzmittel. Vier von fünf Kindern (82 Prozent) empfanden nach Auskunft der Eltern Schmerzen, am stärksten am OP-Tag nach dem Aufwachen. Am nächsten Tag waren es noch knapp 40 Prozent der Kinder.
Wurden Zähne gezogen, hatte aufgrund der Lokalanästhesie nur jedes vierte Kind postoperative Schmerzen (26 Prozent). Statistisch keine Rolle spielten präoperative Schmerzen, anästhesiologische Risikoklassifizierung (ASA) oder Anästhesie- und Behandlungsdauer. Eine Studienbesprechung bemängelt jedoch, dass möglicherweise miteinander verknüpfte Faktoren statistisch nicht untersucht wurden (multivariate Analyse) [7].

Die Autoren folgern, dass ein besseres Schmerzmanagement die Akzeptanz der Behandlung verbessern könnte. Zum Beispiel könnten eine halbe Stunde vor Ende der Vollnarkose intravenös Schmerzmittel verabreicht werden. Zudem sollten Eltern entsprechend aufgeklärt werden und ihren Kindern vor dem Auftreten von Schmerzen über mindestens drei Tage Analgetika geben. Ob die berichteten Schmerzen weitere Karieserfahrung und Kooperationsbereitschaft der Kinder beeinträchtigen könnten, lässt sich mit dem gewählten Studiendesign nicht beantworten. Eine andere Studie zeigt aber, dass eine zuvor vorhandene Zahnbehandlungsangst häufig auch Jahre nach einer Narkosebehandlung bestehen bleibt [8].

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Quintessenz Verlag

Wirkungsweise der Funktions-KfO weitgehend unbekannt

Unter dem Titel „Mystik der Funktionskieferorthopädie“ bewertet der emeritierte Professor für Kieferorthopädie, Dr. Odont. Hans Pancherz (Universität Gießen), das Wissen zu herausnehmbaren und festsitzenden KfO-Geräten für die Behandlung von Distalbissen [9]. Gemeinsames Merkmal beider Kategorien sei das „Bite-Jumping“, also eine Veränderung der sagittalen Beziehung der Zahnbögen durch Vorverlagerung des Unterkiefers. Diese sei auch das primäre Behandlungsziel, nicht eine Beeinflussung der Muskelfunktion.
Herbst-Apparaturen verlagern den Unterkiefer mechanisch nach anterior und normalisieren dabei die Muskelaktivität. Dagegen wirken herausnehmbare Geräte über die Kaumuskulatur, der Mechanismus ist aber laut Pancherz nicht bekannt und ein Unterkieferwachstum werde nicht erreicht. Grundsätzlich unklar seien bei KfO-Geräten einerseits das Ausmaß und die Frequenz der sagittalen Verlagerung, andererseits die am besten geeignete Höhe der vertikalen Komponente. Während in Amerika mit bis zu 20 mm sehr hoch konstruiert wird, sind in Europa mittlere Werte zwischen 5 und 7 mm üblich. Unabhängig von diesen Unklarheiten sind laut Pancherz im Wechselgebiss erfahrungsgemäß herausnehmbare, im bleibenden Gebiss festsitzende Geräte zu empfehlen



Literatur

[1] Yong JB, Sivarajan S, Abbott PV. An analysis of the timing and materials associated with pulp disease following restorative dental treatment. International Endodontic Journal 2018;51:1327-1335.
[2] Schwendicke F, Göstemeyer G, Stolpe M, Krois J. Amalgam Alternatives: Cost-Effectiveness and Value of Information Analysis. Journal of Dental Research 2018;97:1317-1323.
[3] https://www.dentaltown.com/magazine/articles/7352/should-implants-be-connected-to-natural-teeth#utm_source=AddFeatures&utm_campaign=eNews
[4] Tsaousoglou P, Michalakis K, Kang K, Weber H-P, Sculean A. The effect of rigid and non-rigid connections between implants and teeth on biological and technical complications: a systematic review and a meta-analysis. Clinical Oral Implants Research 2017;28:849-863.
[5] Lian M, Zhao K, Feng Y, Yao Q. Prognosis of Combining Remaining Teeth and Implants in Double-Crown-Retained Removable Dental Prostheses: A Systematic Review and Meta-Analysis. The International Journal of Oral & Maxillofacial Implants 2018;33:281-297.
[6] Hu Y-H, Tsai A, Ou-Yang L-W, Chuang L-C, Chang P-C. Postoperative dental morbidity in children following dental treatment under general anesthesia. BMC Oral Health 2018;18:84.
[7] Brignardello-Petersen R. A high proportion of children undergoing dental treatment under general anesthesia experience postoperative dental pain. The Journal of the American Dental Association 2019;150:e1.
[8] Aldossari GS, Aldosari AA, Alasmari AA, Aldakheel RM, Al-Natsha RR, Aldossary MS. The long-term effect of previous dental treatment under general anaesthesia on children's dental fear and anxiety. International Journal of Paediatric Dentistry;0.
[9] Pancherz H. Mystik der Funktionskieferorthopädie. Kieferorthopädie 2018;32:111-120.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).

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