Meine Meinung

Der Kommentar

Aktueller denn je: den moralischen Kompass justieren und ausrichten

Von Chefredakteur Marc Oliver Pick
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Von Chefredakteur Marc Oliver Pick

Die AfD ist in der Politik angekommen, da gibt es nichts zu beschönigen. Wer gehofft hatte, dass dies ein vorübergehendes Phänomen ist und sich über kurz oder lang von selbst erledigen würde, muss sich heute erstaunt die Augen reiben und feststellen, dass diese seltsame Truppe mit ihren noch seltsameren Ansichten nicht nur nicht rechtzeitig in der Belanglosigkeit verschwunden ist, sondern – viel schlimmer – fröhlich Urständ feiert und präsenter denn je ist – an zu vielen Orten und auf zu vielen politischen Bühnen.

Viele sagen, eine Demokratie muss so etwas aushalten können, muss auch mit – radikal – Andersdenkenden irgendwie klarkommen. Was nicht bedeutet, dass man alles einfach so hinnimmt. Widerspruch ist gerade im Falle solcher Entwicklungen wichtiger denn je, ganz besonders auf den großen, aber gerade auch auf den kleinen politischen Bühnen unseres Landes.

Was für die politische Landschaft Deutschlands im Großen gilt, gilt automatisch selbstverständlich auch für die Verbandslandschaft in den Berufsvertretungen als Körperschaften des öffentlichen Rechts, zum Beispiel die zahnärztlichen Verbände. Einen bemerkenswerten Beleg für einen Appell zu mehr Widerspruch liefert in diesem Zusammenhang ein „Weckruf“. Nachzulesen ist er in der Oktoberausgabe der „Berliner Zahnärzte Zeitung“ (BZZ). Der Weckruf „Die AfD in unserem Berufsstand“, nur wenige Zeilen lang, verfasst von Dr. Jörg-Peter Husemann, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Berlin, bringt es in aller Kürze, aber mit der gebotenen Eindringlichkeit auf den Punkt. Zitat: „‚Das wird man ja noch sagen dürfen …‘, ja, darf man, aber dann muss auch dementsprechende Kritik und heftigster Widerspruch vonseiten unserer Verbände kommen.“ Dem üblichen, stammtischparolenhaften „Das wird man ja noch sagen dürfen“ setzt Husemann einfach und direkt entgegen, was gesunder Menschenverstand und eine Portion Zivilcourage jedem Zahnarzt gebieten:

Ja, man darf, aber man darf entsprechende Äußerungen auf gar keinen Fall kritiklos und ohne heftigen Widerspruch hinnehmen oder stehen lassen. Das ist eine Position, eine Haltung, die jeder mit sich selbst ausmachen muss. Jeder muss für sich entscheiden, ob er gewisse Äußerungen und Formulierungen als Ausdruck eines sehr speziellen Gedankenguts mit seinem (zahnärztlichen) Berufsethos vereinbaren kann – und welche Reaktion er für angemessen hält.

Schwieriger wird es allerdings, wenn es um Wahlen für Ämter und Positionen in den Körperschaften geht, die für den Berufsstand relevante Entscheidungen treffen. Wer sich für solche Positionen zur Wahl aufstellen lässt, ist niemandem Rechenschaft über seine sonstige politische Orientierung schuldig. Da hilft nur Wachsamkeit, und zwar idealerweise über Verbandsgrenzen hinweg. Dass dies durchaus funktionieren kann, zeigt die Reaktion der Initiative Unabhängige Zahnärzte Berlin (IUZB), die den Weckruf von Dr. Jörg-Peter Husemann uneingeschränkt teilt – auch wenn man sonst in vielen Fragen komplett unterschiedlicher Meinung ist. Das zeigt: Es gibt Ebenen, auf denen Einigkeit herrscht – über Parteigrenzen hinweg. Das ist gut so.

Gerade wurde in Berlin zum siebten Mal der Herbert-Lewin-Preis zur Aufarbeitung der Geschichte der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus verliehen. Dr. Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer, sagte anlässlich der Präsentation der Ergebnisse des Forschungsprojekts „Zahnmedizin und Zahnärzte im Nationalsozialismus“: „Die Aufarbeitung hilft uns, aus der Vergangenheit zu lernen, aus ihr wichtige Lehren zu ziehen, Anzeichen für Missstände zu erkennen, unseren moralischen Kompass zu justieren und korrekt auszurichten. Das gebietet nicht zuletzt auch das zahnärztliche Ethos.“

Es scheint an der Zeit, genau das jetzt zu tun – nicht nur als Zahnarzt, nicht nur in Berlin, sondern überall.

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