Patientengespräch

"Motivational Interviewing": Motivieren statt anweisen

Mundhygiene regelmäßig und gründlich, gesund ernähren, genug bewegen, zum Recall erscheinen, mit dem Rauchen aufhören: Patienten lassen sich nicht zwingen und ungern bevormunden. Mit der richtigen Ansprache können Zahnärzte und Prophylaxefachkräfte Erfolge erzielen.

Eine Gesprächsmethode ist das "Motivational Interviewing" (kurz MI, dt. Motivierende Gesprächsführung), das die beiden Psychologen William R. Miller und Stephen Rollnick ursprünglich für die Beratung von Menschen mit Suchterkrankungen entwickelt haben.

Dr. Johan Wölber von der Uniklinik Freiburg wendet die Methode auch in der Zahnheilkunde an – und kann von Erfolgen berichten. Wie MI wirkt, zeigte er gemeinsam mit Schauspielerin und Kommunikationstrainerin Manuela Klaube beim Oral-B Symposium 2016 in Bonn.

Damit der Patient mitmacht: Dr. Johan Wölber erklärt, was Motivational Interviewing ist und wie es im Patientengespräch funktioniert.

Wie Patientengespräche wirken können

Wölber zieht einen weißen Kittel über, Klaube nimmt sich ein lilafarbenes Halstuch. Als Zahnarzt und Parodontitispatientin treten sie auf der Bühne aufeinander zu. Der Arzt konfrontiert die Patientin mit ihren schlechten Werten. "Ich putze aber regelmäßig und ordentlich", reagiert Patientin Klaube sogleich. Nach der Szene berichtet Klaube, sie habe sich angegriffen gefühlt, habe sich verteidigen müssen und habe weg gewollt.

Anders verläuft die Szene, wenn Zahnarzt Wölber den Ansatz von MI verfolgt. Er begrüßt die Schauspielpatientin mit einem Lob: "Ich finde es klasse, dass sie so regelmäßig zu unseren Terminen kommen". Im weiteren Gespräch kommt er auf das Thema Rauchen zu sprechen, die Patientin erzählt ihm: "Ich rauche eigentlich schon nicht mehr so viel und es könnte auch noch weniger sein". Der Gedanke, etwas zu ändern, kommt von der Patientin selbst.

So wird die Reaktion nachvollziehbar: Zahnarzt Wölber simuliert mit Schauspielerin Klaube Patientengespräche.

So wird die Reaktion nachvollziehbar: Zahnarzt Wölber simuliert beim Oral-B Symposium in Bonn mit Schauspielerin Klaube Patientengespräche.

Wölber arbeitet an der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie des Universitätsklinikums Freiburg. Dort trainieren die Studenten seit 2009 mit Schauspielern Patientengespräche und bekommen von den Simulationspatienten jeweils ein Feedback.

Wann Patienten ihr Verhalten ändern

Das Ziel von MI sei, dass der Patient selber seine Gründe und seine Ziele erforscht und ausspricht, so Wölber, denn Menschen fühlen sich den eigenen Aussagen mehr verpflichtet als den Aussagen anderer. Dafür muss der Arzt zuhören, reflektieren und zusammenfassen.

Wölber vergleicht ihn mit einem Reiseführer, der den Reisenden dorthin begleitet, wo dieser hin möchte. Kommunikationstechniken des Motivational Interviewing sind:

  • Zuhören
  • Offene Fragen stellen
  • Würdigen
  • Reflektierendes Zuhören
  • Zusammenfassen
  • Informationsgabe (aber erst, wenn der Patient es erlaubt hat)

Wichtig sei es, eine Atmosphäre von Akzeptanz und Mitgefühl zu schaffen. Und nicht nur die Patientin fühlt sich im motivierenden Gespräch wohler, sondern auch der Arzt. Wölbers Fazit: "Motivational Interviewing ist etwas, was man kontinuierlich trainieren muss, aber es lohnt sich und es macht Spaß."

Motivieren lernen

Wer live erleben möchte, wie Motivational Interviewing wirkt, hat beim DZW Präventions-Forum am 23. und 24. September 2016 in der Haranni-Academie in Herne die Gelegenheit. Dort wird Wölber mit dem Thema "Motivierende Gesprächsführung in der Oralprophylaxe" als Referent dabei sein. Mehr Infos zum gesamten Programm und zur Anmeldung unter haranni-academie.de.

Zum 6. Oral-B Symposium im Juni 2016 kamen mehr als 400 Zahnärzte und Prophylaxefachkräfte ins World Conference Center Bonn (WCCB), um sich unter dem Motto "Veränderung beginnt im Kopf" darüber zu informieren, wie sie bei Patienten in puncto Mundhygiene eine bessere Compliance erreichen können. Unter anderem erklärte der Psychologe Prof. Dr. Jürgen Margraf, wie wir vernünftiger handeln können und Trainerin Christa Maurer gab Tipps zur Patiententreue: Wie Praxisteams Patienten binden können. she